Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1172400
Der 
Genter Altar. 
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sie das erste Beispiel der Darstellung des Nackten nach der Natur 
und zwar in ganz vortrefflicher Weise geben. Adam ist vollständig 
das gutgewählte Modell, ein nicht allzufleischiger Körper mit kräftigen 
Muskeln, ein individuelles, keineswegs sehr edles Gesicht, mit starkem, 
nach hinten gesträubten Haarwuchse; es bedurfte bei ihm, der, wie 
die Inschrift besagt, uns in den Tod stürzte, keiner Idealbildung, und 
der Meister konnte sich ganz an die Natur halten. Nicht bloss die 
Muskeln, sondern auch die Adern sind genau und richtig wiederge- 
geben, und die weissliche Hautfarbe des Körpers im Vergleich mit 
der rothen des Gesichts und der Hände verräth, dass dieser Adam 
schon an vollständige Bekleidung gewöhnt" war. Eva könnte schöner 
sein; sie erinnert mit ihren schmalen Schultern, vorgebogenem Leibe 
und wenig edelgebildeten Beinen an die ähnlichen Gestalten bei anderen 
Malern dieses Jahrhunderts bis noch bei Cranach, und es scheint 
wohl, dass der Geschmack der Zeit dabei mit im Spiele War. Die 
Modellirung ist aber ebenso genau und die etwas ungeschickte Stel- 
lung der Beine, von denen das linke das rechte fast ganz deckt, so 
dass es nur in der Kniehöhle sichtbar ist, soll wohl den Charakter 
weiblicher Schamhaftigkeit haben, verräth aber die Neuheit der 
Aufgabe. 
Haben unsere Maler sich hier schon der Natur genähert, so 
geschieht dies in der untern Bilderrcihe noch in viel höherem Maasse; 
sie trinken gleichsam mit vollen Zügen aus der neueröffneten Quelle. 
Der Zauber der Landschaft ist ihnen aufgegangen, der Himmel ist 
nicht mehr golden, sondern blau, von Wölkchen durchzogen, von Vö- 
geln belebt, Wiese und Wald prangen in saftigem Grün, sanft auf- 
steigende Hügel begrenzen die Ebene, Felsen in phantastischer Form 
treten hervor. Sie können sich in ihrer jugendlichen Freude kaum 
genügen, möchten alle Blätter und Früchte der Bäume, alle Blumen 
des Feldes, selbst die Thautropfen im Grase malen; sie kennen zwar y 
schon die Wirkung der Ferne, hinter den näheren, grünbewachsenen 
Bergen treten blaue Spitzen hervor, oder öffnet sich der Blick (wie 
auf dem Bilde der Pilger) in eine lichter gehaltene Ebene, aber sie 
haben doch nur wenige Töne; ihre Landschaft ist daher überreich 
an Einzelheiten, welche bis zu jenen äussersten Fernen fast alle in 
demselben dunkelleuchtenden, kräftigen Grün wie der Vorgrund gege- 
ben sind; sie scheinen sich in dem Wohlgefallen an der Schönheit 
ihrer eignen Farbe nicht sättigen zu können. Aber diese gleiche, 
ernste Haltung der Landschaft stimmt zu dem Ernst des Gegenstandes 
und jene Fülle der Dinge giebt ein Gefühl jugendlicher Frische. Und 
nicht geringer ist die Naturwahrheit der Gestalten. Die Gruppe der
        

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