Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1172112
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Anfänge einer Neugestaltung der Kunst bei 
den Völkern nördlich der Alpen. 
Muth und das Interesse geben mussten, auf diesem Gebiete nach dem 
Höchsten zu ringen. 
So lange die mittelalterliche Kunst überwiegend ideal und archi- 
tektonisch gewesen war, hatten die Niederländer mehr einen passiven 
Antheil an ihr genommen. Sobald sie in das Stadium der Malerei 
getreten war, erwachte ihr Kunstgefühl, wenn auch sehr allmälig. 
Die wenigen in den Niederlanden erhaltenen Werke aus der der Er- 
findung der Brüder van Eyck unmittelbar vorhergehenden Zeit lassen 
noch keine erhebliche Aenderung erkennen, höchstens einzelne Spuren 
eines ziemlich formlosen Naturalismus. Dagegen finden wir unter 
den zahlreichen Künstlern, welche für die kunstliebenden Prinzen des 
französischen Königshauses arbeiteten, viele und zwar die angesehen- 
sten von niederländischer Herkunft, aus Brügge, Lüttich, Limburg, 
aus dem Hennegau und selbst aus Hollandl); und ihre zum Theil 
noch erhaltenen Miniaturen lassen erkennen, dass sie die Gunst ihrer 
Herren vorzüglich ihrem naiven Naturalismus verdankten. Der künst- 
lerische Beruf des Volkes zeigte sich also nicht sofort durch Gründung 
einer eigenen Schule, sondern nur als zufällige Begabung Einzelner 
und im Anschluss an den französischen Geschmack. Es ist merk- 
würdig aber erklärlich, dass die Niederländer hier sich vor den Ein- 
geborenen auszeichneten und von den einheimischen Kennern diesen 
vorgezogen wurden. Die französische Kunst, in der Schule der Archi- 
tektur an feste Unterordnung des Einzelnen unter das Ganze gewöhnt, 
überdies jetzt durch den Einfluss mouarchischer Gesinnung und 
höfischer Bildung in dieser Richtung bestärkt, konnte sich nicht zu 
dem dreisten und heiteren Naturalismus und zu der tieferen Aus- 
bildung des Individuellen entschliessen, welche jetzt zeitgemäss waren 
und selbst von den einheimischen Liebhabern gefordert wurden. Diese 
Beziehung zu der französischen Schule war für die Niederländer 
nicht bloss ermuthigend, sondern auch innerlich vortheilhaft; sie 
lernten dadurch, sich der Disciplin, die bei den Franzosen vielleicht 
schon allzu sehr herrschte, einigermassen zu unterwerfen und so ihren 
Naturalismus mit den Anforderungen höherer Ordnung und Harmonie 
zu verbinden. Aber freilich konnten sie bei den Resultaten dieser 
französischmiederländischen Praxis nicht lange stehen bleiben; um 
sich mit äusserlicher Eleganz und anmuthiger Naivetät zu begnügen, 
waren sie zu realistisch, zu religiös, zu germanisch. Die Kunst war 
ihnen nicht bloss ein aristokratischer Lebensgenuss, sondern ein 
volksthümliches, religiöses Bedürfniss. Wenn den Romanen die scho- 
1) Näheres oben Band VI. 
554 ff.
        

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