Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1172052
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Anfänge einer Neugestaltung der Kunst bei den Völkern nördlich der Alpen. 
auch entfernte Gegenstände in scharfen Umrissen hervortreten, wird 
der Sinn für die Forin sich stärker regen; im Norden dagegen, wo 
Nebel, Schnee und Regen die Landschaft umhüllen, wo auch die 
menschliche Gestalt sich nur in weiter und schwerer Bekleidung 
zeigt, wo also das Auge überall stumpfen, wenig anziehenden Formen 
begegnet, wird der Schönheitssinn, wenn er nicht überhaupt durch 
die Noth des Lebens ertödtet wird, seine Befriedigung vorzugs- 
weise in dem Wechsel von Licht und Dunkel, in den Farben und 
in den Gegensätzen der Töne suchen und finden. Auch die Lebens- 
weise, soweit sie durch das Klima bestimmt ist, hängt damit zu- 
sammen; die südliche Oeffentlichkeit des Lebens fördert den pla- 
stischen, die nördliche Häuslichkeit und Innerlichkeitßen malerisch- 
musikalischen Sinn. 
Neben den Wirkungen der Natur kommt dann aber auch die 
geistige Richtung des Volkes in Betracht. Wenn diese durch ursprüng- 
liche Disposition oder durch den Einfluss früherer Wohnsitze und 
Erlebnisse eine andere Richtung erhalten, bleibt auch die höchste 
Gunst der äusseren Natur ohne Erfolg. Hier, in den Niederlanden, 
steht beides im vollsten Einklange. Die Bevölkerung, welche diese 
Küsten dem Meere abgenommen, hat auch die  
sie mit den anderen germanischen Stämmen theilt, diesem Boden 
gemäss ausgebildet. Der gefahrvolle Kampf mit den Elementen hat 
sie kräftig, ausdauernd, geduldig, aber auch vorsichtig und bedächtig, 
das Bewusstsein ihrer Erfolge stolz und selbstvertrauend gemacht 
und dem Begriffe individueller Freiheit eine noch grössere Sprödig- 
keit gegeben, als bei den übrigen Deutschen. Der Sinn ist mehr 
auf das Praktische und Nützliche, auf das Persönliche und Nahe, 
auf Erwerb, Häuslichkeit, Familie, als auf das Hohe, Gemeinsame, 
Ausserordentliche gerichtet. Die Bewohner dieser Gegenden sind 
daher gutmüthig, innig, treu, dankbar, fromm, aber auch misstrauisch, 
rechthaberisch, eigensinnig und keinesweges von überfiiessender Ge- 
fühlswärme oder rascher Begeisterung. Sie fürchten 'l"äuschung und 
Uebereilung, treten neuen Gedanken kopfschüttelnd und mit Vor- 
urtheilen entgegen, geben nichts auf Theorien, sondern fordern hand- 
greifliche Beweise. Sie sind also durchaus Realisten. Auch ihre 
Freuden sind derb; sie lieben starke, sinnliche und geräuschvolle 
Genüsse, die leicht in Unmäissigkeit ausarten. Aber hinter dieser 
spröden oder rohen Aussenseite birgt sich eine grosse Wärme und 
Weichheit des Gefühls. Sie sind leicht gerührt, mitleidig und theil- 
nehmend, bei solchen Gelegenheiten auch freigebig und aufopferungs- 
fähig, voller Verstandniss für die feinen Reize des Familienlebens,
        

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