Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1172042
Vorzüge der 
flandrischen Provinzen. 
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kein Zufall oder doch das Zufällige nicht das Entscheidende; unter 
einem unempfänglichen, wenig begabten Volke würde jene Erfindung 
schwerlich entstanden, jedenfalls ohne Nachfolge geblieben sein. 
Ebenso wenig darf man auf die Prachtliebe des burgundischen Hofes, 
auf den Reichthum der iiandrischen Städte, auf die Blüthe und Wohl- 
habenheit des ganzen Landes, die in der That eine hohe Stufe er- 
reicht hatte, zu grosses Gewicht legen. Die Kunst bedarf allerdings 
der äusseren Gunst; der Reichthum ist für sie fast ebenso nöthig, 
wie der Sonnenschein für die Pflanzen. Aber wie dieser fördert er 
nur die bereits vorhandenen Keime und vermag nicht, sie in un- 
fruchtbarem Boden zu erzeugen. Der Grund dieser Kunstblüthe 
kann daher nur in einer Begabung des Volksstammes" beruhen, welche 
gerade den Bedürfnissen dieser Epoche entsprach. Diese Begabung 
ist denn auch sehr wohl zu erkennen und zu erklären. 
Das Talent des Einzelnen mag man als ein unmittelbares und daher 
keiner Erklärung unterliegendes Geschenk Gottes betrachten; die Be- 
gabung eines Volksstammes hängt stets mit nachweisbaren Thatsachen 
und Eigenschaften zusammen. Die Kunst liegt im Wesen des Menschen, 
eine allgemeine unbestimmte Anlage zur Kunst ist jedem Volke ge- 
geben. Aber dieser zarte Keim ist leicht erstickt oder verletzt, 
kommt daher nur selten zu umfassender Entwickelung und erhält 
jedenfalls seine Richtung und Gestalt durch die äusseren Umstände. 
Zu diesen gehört vor Allem die Natur des Landes, und da ist es 
denn eine bekannte und sehr begreifliche Erfahrung, dass die Ebene, 
namentlich die an grosseWassermassenigrenzende oder von ihnen 
durchzogene, den Sinn für das Malerische weckt und nährt. Wo 
Gebirge mit ihren mannigfaltigen, mehr oder weniger schönen Formen 
das Auge fesseln und beschäftigen, erscheint Licht und Farbe nur 
als ein unter-geordnetes, begleitendes Moment. Wo sich die Fläche 
unterschiedslos erstreckt, nimmt die wechselnde Beleuchtung, das 
Farbenspiel an dem weithin geöffneten und unbeschränkten Himmels- 
gcwölbe und besonders der Wiederschein desselben in dem glänzen- 
den Wasserspiegel das ganze Interesse in Anspruch. Jeder, der 
längere Zeit theils im bergigen Lande, theils an ebenen Küsten zu- 
gebracht, kann diese Wirkung an sich selbst beobachten. Wie unter 
den Italienern die Venetianer, sind daher im Norden die Niederländer 
auf ihrem dem Meere abgewonnenen Wasser-reichen Boden vorzugs- 
weise die Koloristen. Auch das Klimatische des Nordens wirkt in 
derselben Richtung. In südlichen Ländern, wo die milde und gleich- 
massige Temperatur eine bessere Ausbildung des Körpers und eine 
weniger verhüllende Tracht gestattet, wo in der durchsichtigen Luft
        

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