Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1172025
Persönliche Ausübung der Kunst. 
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der bisher Berechtigten als der Vertheidiger des Neuen, trübte 
überall den Gedanken. Die Kunst dagegen bot weniger Hindernisse, 
besonders da sie ihre Arbeit nicht mit der Architektur zu beginnen 
hatte, sondern mit derjenigen unter den bildenden Künsten, in der 
die Phantasie sich am freiesten ergehen kann, mit der Malerei. Sie 
durfte daher kühner vorgehen und die Gedanken andeuten, die erst 
später im Leben durchdrangen. 
Damit hing dann ferner zusammen, dass die Persönlichkeit der 
Künstler bedeutend mehr in den Vordergrund trat. Die Kunst des 
Mittelalters war (allenfalls mit Ausnahme Italiens) unpersönlich ge- 
wesen; schon der kirchliche und architektonische Charakter, der in 
ihr vorherrschte, brachte dies mit sich. Die Werke gingen von Cor- 
porationen, von der Bauhütte, von zünftigen Meistern aus, die nur 
darauf Anspruch machten, den hergebrachten Anforderungen zu ge- 
nügen. Jetzt nahm dies Alles eine andere Wendung. Die Kunst 
schöpfte nicht mehr aus der Tradition, sondern unmittelbar aus der 
Natur und aus dem eigenen Gefühle der Künstler. Diese Waren da- 
her auf sich selbst angewiesen, sie hatten auf dem weiten Gebiete 
der Natur keinen andern Führer, als ihr ahnendes Verständniss. 
Sie mussten auch bei der weiteren Ausführung sich dieser höchst 
persönlichen Stellung bewusst bleiben. Der Ausdruck des individuellen 
Gefühls war nicht, wie man es jetzt leicht auffasst, eine Sache des 
Selbstbewusstseins, sondern eine Pflicht der Bescheidenheit. So lange 
die Kunst mit architektonischer Regelmässigkeit verfuhr, war sie die 
Vertreterin des allgemeinen Bewusstseins, konnte sie gleichsam mit 
kirchlicher Machtvollkommenheit sprechen. Sobald sie persönliche 
Empfindungen ausdrücken sollte, durfte sie nur in der demüthigen 
Haltung des Einzelnen auftreten. 
Diese persönliche Stellung der Kunst äusserte sich sogleich bei 
der Ausübung und Verbreitung der neuen Erfindung. Vasari erzählt 
ausführlich, dass die Brüder van Eyck aus derselben ein Geheimuiss 
gemacht und sie erst spät einigen Schülern mitgetheilt hätten, dass 
namentlich Antonello da .Messina, durch den Anblick einiger ihrer 
nach Italien gelangten Bilder bestimmt, nach Flandern gegangen sei, 
die Gunst Johanifs van Eyck erworben habe und so von ihm in 
jenes Geheimniss eingeweiht und der Verbreiter desselben in Italien 
geworden sei. Es ist möglich, dass die Brüder wirklich dem nei- 
dischen Gebrauch ihrer Zunftgenossen gefolgt sind, aber es bedurfte 
kaum einer absichtlichen Geheimhaltung; es handelte sich ja nicht 
um ein chemisches Recept oder um vereinzelte Handgriffe, die leicht 
mittheilbar waren, sondern um eine ganz neue Kunst, um vielseitige
        

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