Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1171996
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einer Neugestaltung der Kunst bei den Völkern nördlich den Alpen. 
Anfänge 
Charakter einer feierlichen geweiheten Stimmung verleihet. Däzu 
kommt endlich die Ausführung des Hintergrundes, welche bald die 
volle Schönheit der Natur in Wald und Feld, bald ernste oder ge- 
müthliche Innenräume, gewöhnlich nicht ohne eine Fernsicht durch 
Fenster oder Thüren, beide aber von dem Mysterium des Lichtes, 
dem Symbol der göttlichen Gnade, erfüllt und beleuchtet zeigt. Wir 
blicken wie in eine verklärte Welt; es ist unsre heimische, wohl- 
bekannte Erde, es sind Menschen wie wir, mit Schwächen und Sün- 
den, aber statt der Kämpfe und Mühseligkeiten, unter denen wir- 
leben, ist Friede und heilige Ruhe eingetreten. 
Man hat die Erfindung der Oelmalerei in das Jahr 1410 gesetzt, 
und gewiss ist  aus Gründen, die sich später ergeben werden  
dass sie um 1420 schon vollendet sein musste. Vergleichen wir nun 
die Gemälde der Brüder van Eyck mit denen der unmittelbar vor- 
hergegangenen Meister, etwa mit den Altarbildern, welche Melchior 
Broederlein zwischen 1391 und 1398 für den Herzog von Burgund 
ausgeführt hatte und mit den gleichzeitig oder selbst einige Jahre 
später entstandenen Werken der Kölner Schule, so müssen wir über 
die gewaltige Verschiedenheit erstaunen. Dort eine Kunst, welche 
ungeachtet einzelner naturalistischer Züge sich mit allgemein gehal- 
tenen typischen Gestalten begnügt; hier das Bestreben, die Natur, 
sowohl die grosse irdische, als die des individuellen Menschen, den 
Makrokosmos und den Mikrokosmos, in ihrer vollsten Wahrheit zu 
erfassen. Es ist nicht bloss eine künstlerische Verschiedenheit, son- 
dern eine andere Weltauifassung; dort eine conventionelle, welche 
die Erscheinungen nur im Lichte eines überlieferten Systems dar- 
stellt, hier eine unbefangenere, welche sich der Natur hingiebt, ihr 
bis in die feinsten Einzelheiten nachgeht, sie wie ein heiliges Ge- 
heimniss ehrt. Es mag sein, dass dieser neue Geist noch nicht völlig 
die Richtung hat, die er bald darauf im sechszehnten Jahrhundert 
annimmt, aber der wichtigste Schritt ist bereits geschehen, an die 
Stelle der früheren Vernachlässigung der Natur ist eine innige Ver- 
ehrung derselben getreten. 
Wir stehen mit dieser künstlerischen Leistung auf dem Boden 
der neueren Geschichte. 
Da ist es denn sehr merkwürdig, in wie schneller, eigenthüin- 
licher Weise dieser Uebergang sich vollzieht. Ueberall, wo wir sonst 
die Entwickelung der Kunst beobachteten, fanden wir, dass ihr das 
Leben verarbeitete. Der Gedanke, welcher das Volk bewegt, äussert 
sich zuerst in der Bildung sittlicher, rechtlicher, politischer Verhält- 
nisse und geht erst später dazu über, das Ideal künstlerisch zu
        

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