Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1171931
80 
Anfange 
einer Neugestaltung der Kunst b'ei 
Völkern nördlich der Alpen. 
den 
zu wirken, hatte die oberflächliche Kenntniss der menschlichen Ge- 
stalt, verbunden mit architektonischem Stylgefühl, ausgereicht. Sollte 
die Malerei aber das Gemüth ergreifen und erschüttern, den Be- 
Schauer mit den Gefühlen erfüllen, welche die wirkliche Erscheinung 
in ihm erweckte, so bedurfte sie viel tieferer Studien. Sie musste 
die Gestalten des Menschen, der Thiere, der Pflanzen, die Gesetze 
des Raumes und der Lichtwirkung näher kennen lernen, von der 
Anatomie, der Perspective, der Optik wenigstens so viel wissen, um 
nicht auffallend gegen die Wahrheit zu verstossen. Ausserdem musste 
sie aber auch die Mittel besitzen, das Wahrgenommene und Erkannte 
künstlerisch wiederzugeben. Die bisherige Wandmalerei war wohl 
geeignet, grosse Flächen mit iigurenreichen Oompositionen zu füllen, 
aber sie machte nur den Anspruch, die heiligen Geschichten in 
epischer Ruhe zu erzählen, wozu dann ihre leichte, der colorirten 
Zeichnung ähnliche Weise ausreichte. Die Tafelmalerei gab ihren 
Gestalten zwar schon eine gewisse Rundung und stattete sie mit 
glänzenden, der Wirklichkeit sich annäherenden Farben aus, aber 
den feineren Uebergängen in der natürlichen Körperbildung und den 
Gegensätzen der Beleuchtung konnte sie nicht folgen. Sie stellte 
sich keine andere Aufgabe, als die der bemalten Plastik, mit der 
sie oft an demselben Werke verbunden war. Ihre Technik selbst 
hatte etwas Plastisches; man trug auf der wohl vorbereiteten Tafel 
zuerst die Localfarben, dann, wenn diese getrockfnet waren, die fei- 
neren Nüancirungen, Lichter und Schatten in glatten Lagen auf und 
überzog dann das Ganze mit einem Firniss. Inl technischen Einzel- 
heiten, in der Farbenmischung, in dem Bindemittel, dessen man sich 
bediente, in der Bereitung des Firnisses wichen die Maler in den 
verschiedenen Ländern und selbst in einzelnen Werkstätten von 
einander ab. Aber das Gemeinsame der damaligen Technik, der 
Temperamalerei, wie wir sie im Gegensatze zur Oel- und Wasser- 
farbenmalerei nennen, bestand eben darin, dass man die Modellirung 
und die Abstufungen des Lichtes nicht in die Grundfarbe durch 
Mischung mit anderen, helleren und dunkleren Tönen hineinmalte, 
sondern jede Nüance vorher in besondern Töpfen oder Schalen be- 
reitete und dann an der geeigneten Stelle auf die Untermalung auf- 
trugl). Um dies ausführen zu können, bedurfte man eines schnell 
1) Vgl. den Trattato della pittura des Cennino Cennini cap. 145. Die antike 
Malerei bediente sich schon der Palette. In der Temperamalerei des Mittelalters, 
wenigstens in der Schule Giotto's, kannte man sie nicht und entbehrte daher dieses 
Mittels der Nebeneinanderstellung mehrerer Farbezinüancen. Man bediente sich
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.