Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1171925
auf die nordische Malerei. 
Einfluss des erwachten Naturgefühls 
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auf eigene wahre Busse, auf Zerknirschung des Herzens, auf hin- 
gebende Liebe, Wärme und Innigkeit, mit einem Worte auf individuelle 
Empfindungen ankomme, verlangte man Anderes und Tieferes. Jene 
Gestalten der bisherigen Kunst gaben allerdings den Eindruck des 
Demüthigen, Sanften, Zärtlichen, aber sie streiften an das Conven- 
tionelle und Gezierte, waren mehr abstracte Personiücationen, als 
wirkliche, lebensfahige Wesen, es fehlte ihnen die volle Wahrheit, 
die kräftige Farbe und Mannigfaltigkeit der natürlichen Erscheinung. 
Dazu kam dann, dass diese Gemälde die Gestalten nicht in- natür- 
licher Umgebung, sondern auf goldenem oder einfarbigem Hinter- 
grunde darstellten, gleich wie Statuen. Wollte man wirklich indi- 
viduelles Leben, so musste man den Menschen in seiner Umgebung 
auftreten lassen, in der freien Natur oder an der Stätte seiner ge- 
wohnten bürgerlichen Thätigkeit. Das Mittelalter hatte dies entbehren 
können, weil es gewohnt war von der Natur zu abstrahiren, die 
jetzige Zeit a.ber sehnte sich nach einer vollereu Darstellungsweise, 
um sich in ihrem Gefühle für die Natur und in ihren damit ver- 
bundenen religiösen Empfindungen zu bestärken. Die Miniaturmaler, 
welche vermöge der leichteren Technik und der kleinen Dimensionen 
ihrer Arbeit schon etwas wagen konnten und bei der Ausstattung 
der Andachtsbücher für ihre vornehmen Gönner auf die poetischen 
Bedürfnisse und auf die Anforderungen der persönlichen Frömmig- 
keit aufmerksam gemacht wurden, gingen dabei voran, indem sie 
noch im 14. Jahrhundert den Darstellungen legendarischer Hergängex 
und den Monatsbildern in dem diesen Büchern gewöhnlich voraus- 
geschickten Kalender eine landschaftliche Haltung gaben. Aber nun 
konnte auch die höhere Malerei nicht füglich bei der bisherigen 
Weise stehen bleiben. Wie viel lebendiger und anregender wurden 
die heiligen Gestalten, wenn man sie sich in bekannter, natürlicher 
Umgebung dachte? Wie viel wärmer konnte der Ausdruck des Ge- 
fühls werden, wenn das Auge den Glanz des Himmels wiederspiegelte? 
Und nun gar diejenigen, welche mit Raymund von Sabunde, mit un- 
zahligen, den Mystikern verwandten Frommen das „Buch der Natur" 
als die erste, allgemeinste, der Kirchenlehre vorangehende Offen- 
barung betrachteten, wie sehr mussten sie wünschen, dies Geheimniss 
sich zu versinnlichen, sich seiner beim Anschauen kirchlicher Ge- 
mälde bewusst zu werden? 
Den Malern war damit eine Aufgabe gestellt, welche sie mächtig 
anzog, zu der aber ihre technischen Mittel nicht genügten. So lange 
es blos darauf ankam, die Erinnerung an gewisse heilige Gestalten 
und Hergänge hervorzurufen, auf das Gedachtniss und den Verstand
        

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