Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1171912
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einer Neugestaltung der Kunst bei den Völkern nördlich der Alpen. 
Anfänge 
schaft gelangt und hatten schon im 14. Jahrhundert Umgestaltungen 
erlitten, welche seinem Geiste nicht entsprachen und mehr oder 
weniger mit der von der Antike hergeleiteten Tradition im Zu- 
sammenhange standen. Bei der jetzigen Stimmung regte sich der 
Gedanke, "sich ganz von ihm zu befreien und an seiner Stelle die 
antiken Formen wieder anzuwenden. Man begann daher die antiken 
Bauwerke, welche man vorzüglich in Rom noch zahlreich vorfand, 
eifrigst zu studiren und suchte demnächst, die an ihnen entdeckten 
Formen und Regeln auch bei neuen Bauten anzuwenden und so 
einen den Grundsätzen der Antike und den Bedürfnissen der Gegen- 
wart zugleich entsprechenden Baustyl zu schaffen. Es war dies also 
eine willkürliche, planvoll herbeigeführte Reform, ein Unternehmen, 
wie es in der bisherigen Geschichte der Kunst noch nicht vor- 
gekommen war, das aber in der eigenthümlichen Stellung Italiens 
begründet war und daher auch zu wichtigen Erfolgen, zu einer 
Neugestaltung der Baukunst und demnächst auch der anderen Künste 
hinführte.  
Gleichzeitig mit diesen ersten Schritten der italienischen Re- 
naissance entstand auch in den germanischen Ländern eine künst- 
lerische Bewegung, aber in ganz anderer fast entgegengesetzter 
Richtung. Von einer Begeisterung für die Antike oder von einem 
Widerstreben gegen die Gothik konnte hier nicht die Rede sein. Zu 
einer Reform der Architektur war überall keine Veranlassung. Diese 
trug zwar, wie wir gesehen haben, bereits starke Spuren des Ver- 
falls, aber, wie gesagt, dieser war eben ein Verfall des allgemei- 
nen Geschmackes, den daher Niemand bemerkte, während derselbe 
conservatiire Sinn, der sich in der Erhaltung der rechtlichen In- 
stitutionen des Mittelalters zeigte, auch den hergebrachten baulichen 
Formen zu statten kam und selbst den Gedanken einer Aenderung 
derselben nicht aufkommen liess. Das Bedürfniss einer solchen regte 
sich nur da, wo die hergebrachten Formen den veränderten Gefühlen 
nicht mehr entsprachen, und dies war nicht auf dem Gebiete der 
Baukunst der Fall, sondern nur auf dem der Malerei, bei ihrer Dar- 
Stellung der natürlichen Erscheinung. Jene schlanken Gestalten mit 
der bleichen Carnation, dem kleinen Munde und der fast unnatürlich 
weichen Biegung des Körpers, wie sie die bisherige Kunst schuf, 
hatten genügt, so lange man die Natur nur mit iiüchtigem Auge be- 
trachtend in abstracten Empfindungen lebte und die Frömmigkeit 
vorzugsweise in der Unterwerfung unter die Kirche suchte. Seitdem 
man aber angefangen hatte, die Natur in ihrer Objectivität mit Liebe 
und Erbauung zu betrachten, seitdem man ahnte, dass es vor Allem
        

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