Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1171905
Ausgang der italienischen Renaissance 
von der Architektur. 
77 
so lange hinter den nordischen Völkern zurückgestanden und von 
ihnen empfangen hatte, schien ihnen jetzt vorausgeeilt. Seine Be- 
wohner konnten mit Befriedigung und Stolz auf jene herabsehen. 
Sie konnten sich sagen, dass ihr geliebtes Land noch immer das 
erste, noch immer wenigstens in geistiger Beziehung die Herrin und 
Führerin sei. Das Gefühl für Natur und Individualität, das bei 
jenen anderen Völkern erst jetzt erwachte, war hier niemals ganz er- 
loschen gewesen, es hatte sich, wenn auch oft in wilder anarchischer 
Weise, das ganze Mittelalter hindurch geltend gemacht, dann aber 
im 14. Jahrhundert schon eine poetische Entwickelung herbeigeführt, 
welche die Nation mit Begeisterung erfüllte und jetzt neue Blüthen 
brachte. Auch das Gefühl für Schönheit und Kunst, das sich früher 
nur in traditioneller Erstarrung erhalten hatte, war aufs Neue belebt 
und hatte die Kunst in kurzer Zeit mächtig gefördert. Sie war ein 
Gegenstand des Wetteifers der Städte, der Sorgfalt der Gelehrten 
und Staatsmänner geworden. Das Schönheitsgefühl verschmolz in 
gewissem Grade mit der Religiosität und diente dazu, die nationalen 
Mängel derselben zu bedecken. Der Begriff der schönen oder edlen 
Seele vertrat die Stelle eines sittlichen Princips, die schöne Form 
wurde ein selbständiger Gegenstand des Strebens. Die Erinnerung 
an die Zeit des Glanzes und der Herrschaft, die freilich niemals 
ganz erloschen, aber oft nur als Anmassung und leerer Hochmuth 
aufgetreten war, hatte jetzt wieder eine gewisse Berechtigung. Man 
durfte sich der Hoffnung einer Wiederherstellung jener antiken Herr- 
lichkeit hingeben und suchte wenigstens in den erreichbaren Aeusser- 
lichkeiten, in der Sprache und in der Kunst, sich der Vorfahren 
würdig zu beweisen und an sie anzuschliessen. Das erwachte Schön- 
heitsgefühl mischte sich mit dieser Begeisterung für die Antike, 
man glaubte in ihr nicht bloss die eigentliche nationale Gestalt Italiens, 
sondern auch die wahre Schönheit zu erkennen und versuchte sie 
überall herzustellen. Man dachte daher an eine totale Reform der 
Kunst nach dem Vorbilde der Antike und begann diese auf dem 
Gebiete der Architektur. Gerade in dieser Kunst war die Ver- 
schiedenheit der herrschenden Kunstform von den noch zahlreich in 
Italien erhaltenen antiken Bauwerken sehr auffallend und vollkommen 
erweislich. Der gothische Styl, der der Prachtliebe der Italiener ge- 
 schmeichelt und daher Eingang gefunden hatte, war unzweifelhaft 
fremden Ursprungs und in der That niemals ganz einheimisch ge- 
worden. Seine Formen widersprachen zum Theil sogar den klima- 
fischen Bedürfnissen und den Gewohnheiten des Landes. Sie waren 
daher niemals zu consequenter Anwendung und allgemeiner Herr-
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.