Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1171878
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der Kunst bei den Völkern nördlich der Alpen. 
Anfänge einer Neugestaltung 
Anhänglichkeit für die mittelalterliche Form. Dieser Kampf machte 
sich auf allen Gebieten des geistigen Lebens geltend, in der Politik, 
wo er bei den romanischen Völkern eine Vorliebe für die Formen 
imperatorischer Herrschaft erzeugte, in der Kirche, in den Wissen- 
schaften, am deutlichsten aber vielleicht in der Kunst, welche über- 
haupt sehr bald eine bedeutsame Stellung in der Geschichte der 
Renaissance einnahm. 
Die Motive der ganzen Bewegung waren ursprünglich rein prak- 
tischer Natur, man dachte nur an das Nützliche, an die Beseitigung 
der drückend empfundenen Missstände des politischen und kirch- 
lichen Lebens, an Befriedigung der neuentstandenen Bedürfnisse, an 
erhöhten Lebensgenuss und materiellen Gewinn. Nur in Italien trat, 
wie wir später sehen werden, das Künstlerische gleich anfangs einiger- 
massen in den Vorgrund. In den übrigen Ländern war die vor- 
herrschende Stimmung so wenig ideal oder künstlerisch, dass man 
sich eher zu einer trockenen und kühlen Verstandigkeit neigte. Aber 
dennoch zeigte sich der angeregte N euerungstrieb sehr bald auch in 
der Kunst. Sie gehörte in der That noch zu den praktischen Be- 
dürfnissen. Sie war ein nothwendiges Element der kirchlichen 
Religiosität, man brauchte sie, um sich die heiligen Gestalten zur 
Anschauung zu bringen und sich im Glauben zu stärken. Den Lauen 
und Sinnlichen war sie ein erwünschtes Mittel bequemer Busse und 
Sühuung, den wahrhaft Frommen und vor Allem den Mystikern und 
denen, welche Ernst damit machten, die Natur als eine primitive, 
der Schrift vorhergehende Offenbarung zu betrachten, diente sie 
wirklich zu religiöser Anregung. Aber auch der weltliche Luxus und 
die wachsende Vergnügungssucht bedurfte ihrer, und selbst die ge- 
werbliche, schlechthin auf das Nützliche gerichtete Thatigkeit konnte 
sie nicht entbehren. Der Gegensatz zwischen dem Schönen und 
Nützlichen ist nur ein relativer, dem eine Gemeinsamkeit zum Grunde 
liegt. Das Nützliche bedarf der Form, für deren Gestaltung es die 
Regeln von dem Gebiete der Kunst entlehnen muss; das Schöne 
setzt einen realen Körper voraus, der nach dem Gesetze der Zweck- 
mässigkeit und Nützlichkeit gebildet sein muss. Beides steht daher 
in engem Zusammenhange. 
Vor allem aber diente die Kunst dem Triebe nach Belehrung, 
der von dem praktischen Bestreben untrennbar ist und sich damals, 
wie wir schon sahen, so mächtig regte. Zu einer wissenschaftlichen 
Erforschung der Natur fehlten die Vorarbeiten noch völlig, man 
musste erst damit beginnen, sie äusserlich kennen zu lernen, sich 
mit ihr vertraut zu machen. Dazu war die Kunst eine vorzügliche,
        

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