Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1171840
und der Natur. 
Wiedergeburt der Antike 
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sich ausschliesslich durch fremde, aus ihrem Zusammenhange gerissene 
Aussprüche früherer Schriftsteller leiten zu lassen und auf jede eigene 
Beobachtung zu verzichten. Die Natur war dadurch in der That 
gewissermassen verloren, sie war den Menschen aus dem Auge ge- 
rückt. Jetzt hatte sich dies geändert, durch die fortschreitende 
Civilisation war die Sitte natürlicher, die Natur verständlicher ge- 
worden. Man fühlte sich von ihr angezogen, begann sie wieder mit 
liebevollem Auge zu betrachten und sich ihr mehr zuzuwenden. Bei 
Vielen nahm dies, wie wir oben sahen, eine religiöse Wendung; die 
Natur war ihnen eine Offenbarung Gottes, welcheneben der Schrift 
Berücksichtigung verdiente. Bei Anderen gestaltete es sich einfacher, 
man betrachtete sie nur als eine Quelle der Erfahrung und des 
Wissens, dann aber auch als die fruchtbarste und zuverlässigste 
Quelle, welche im Vergleich mit den bisherigen Belehrungsmitteln, 
mit der schriftlichen Offenbarung und der gelehrten Tradition den 
grossen Vorzug leichterer Zugänglichkeit und tieferer Ueberzeugung 
hatte. Auch diesen also war sie von höchster Bedeutung, und es ist 
begreiflich, dass man sich trotz der sehr mangelhaften Vorkenntnisse, 
die man besass, ihrer Beobachtung mit Leidenschaft hingab. Dies 
war denn in der That eine Wiederherstellung der Natur für den 
Menschen. 
Diese doppelte Wiedergeburt fiel in gewissem Grade zusammen. 
Der Unterschied der antiken Schriftsteller von den Scholastikern 
bestand eben darin, dass diese sich auf vereinzelte überlieferte Satze 
gründeten, während jene ihre Ueberzeugung aus der Totalität der 
ihnen durch die Natur gewordenen Anschauungen schöpften. Das 
Studium der antiken Schriften führte daher ebenso wie die un- 
mittelbare Beobachtung in die Mitte der Natur. Beide Formen der 
Wiedergeburt dienten also im Wesentlichen demselben Zwecke, und 
es ist begreiflich, dass bei dem Scheitern des scholastischen Systems 
man sich bald der einen bald der andern Quelle zuwendete, bald 
vermittelst der alten Schriftsteller, bald durch eigene Beobachtung 
Belehrung und Hülfe zu finden suchte. Der geistreiche italienische 
Staatsmann und Schriftsteller Macchiavell spricht es in einer be- 
rühmten Stelle als eine Regel aus, dass geistige Körperschaften, 
Republiken oder Religionsgesellsehaften, um sich gesund zu erhalten, 
von Zeit zu Zeit zu ihren Anfängen, wie er es mit einem vom Wett- 
laufe entlehnten Gleichnisse ausdrückt: zum Zeichen (al segno) zurück- 
kehren müssten. Dies war es in der That, was jetzt geschah. Die 
Antike und in einem noch tieferen Sinne die Natur waren die Aus- 
gangspunkte des Mittelalters gewesen, zu denen man sich jetzt, da
        

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