Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1171817
68 
Völkern nördlicgh der Alpen. 
den 
Anfänge einer Neugestaltung der Kunst bei 
mehr bestand und fast schon in Vergessenheit gerathen war. Wir 
sehen also durchweg die Zeichen beginnender Altersschwäche und 
können eine neue Hebung der Kunst nur von einer neuen Gestaltung 
des Lebens erwarten.  
Durfte man eine solche hoffen? Die Stimmung der Völker (viel- 
leicht mit Ausnahme von Italien) wagte es nicht, Sie war entmuthigt 
und hielt krampfhaft am Alten fest. Auch die Erfahrung berechtigte 
nicht dazu. Die Völker der alten Welt, so weit die Geschichte reicht, 
hatten stets nur eine einmalige Blüthe gehabt. Sobald die Ent- 
wickelung ihrer Naturanlage ihren Gipfel erreicht hatte, trat ein 
Stillstand und bald auch eine Abnahme der Kräfte ein, welche un- 
fehlbar, wenn auch vielleicht erst nach Jahrhunderten zäher Er- 
haltung, zum Untergange des Volkes führte. Dieser Hergang wieder- 
holt sich in der vorchristlichen Geschichte so regelmässig, dass wir 
darin ein festes Gesetz erkennen müssen. Durch das Christenthum 
hatte aber dies Gesetz seine Kraft verloren, und es war ein anderes 
Princip an seine Stelle getreten. Schon der Gedanke einer geoifen- 
harten, der freiwilligen Annahme dargebotenen Religion giebt den 
Völkern eine höhere Freiheit; er setzt ein Verständniss der Lehre 
und mithin die Möglichkeit verschiedener, mehr oder weniger tiefer 
Auffassungen und einer wachsenden Einsicht voraus. Das Christen- 
thum ist aber mehr als eine blosse Lehre, es ist ein zeugendes 
Princip, von dem ein neues geistiges Leben mit allmäliger fort- 
schreitender Entwickelung ausgeht, und das daher auch der Erneuerung 
und eines vielleicht unbeschränkten Fortschrittes fähig ist. Es ver- 
bindet endlich die durch die Verschiedenheit ihrer Naturanlage und 
durch ihre Interessen getrennten Völker zu Gliedern einer Völker- 
gruppe, also eines Organismus höherer Ordnung, in welchem sie in 
Wechselwirkung stehen und sich vermöge ihrer verschiedenen Be- 
gabung ergänzen können. 
 Dies neue Gesetz kam jetzt zum ersten Male zur Geltung. Das 
System des Mittelalters war noch nicht aus ihm hervorgegangen, 
sondern noch überwiegend ein Naturproduct, welches auf der Mischung 
und dem Gegensatze der germanischen Völker und der alten Be- 
wohner des römischen Reichs beruhete. Es war allerdings unter dem 
Einflüsse des Christenthums entstanden, aber doch nur vermöge einer 
ersten, sinnlichen Auffassung desselben, wie sie sich den verschiede- 
nen, theils gebildeten, theils ungebildeten heidnischen Völkern gegen- 
über empfahl. Jetzt aber, da dies System zu augenscheinlich falschen 
Consequenzen geführt und sich als unhaltbar erwiesen hatte, machte 
sich der Gedanke der Prüfung der ihm zum Grunde liegenden Prin-
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.