Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1171805
Entartung der Künste am Ausgang des Mittelalters. 
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welche ihre constructive Bedeutung mehr verbarg oder verleugnete, 
als betonte. Das Blattwerk verlor seinen stylistischen Ernst und 
wetteiferte mit den krausesten Formen natürlicher Pflanzen. Die 
Sculptur, die schon an und für sich und besonders hier in ihrer 
Verbindung mit einer strengen Architektur auf das Einfache und 
Gesetzliche angewiesen ist, strebte nach einer Fülle individueller und 
naturalistischer Details, welche die Einheit der Form und die Schön- 
heit der Linien zerstörten. Das Ganze löste sich mehr und mehr 
in schwach verbundene Einzelheiten auf. Die Malerei endlich, die 
jüngste der künstlerischen Schwestern, zeigte zwar keine Spuren "ent- 
schiedenen Verfalls, aber auch keine fortschreitende Bewegung. Sie 
begnügte sich mit der Wiederholung ihrer bisherigen Leistungen, 
während doch jene schlanken Gestalten von mildem, anmuthigem 
Ausdrucke und regelmässigen Gesichtszügen auf einfachem farbigem 
oder goldenem Hintergründe den Bedürfnissen der neuen Zeit nicht 
mehr entsprachen und mit der überladenen Ornamentation der Ge- 
haude und der schwerfalligen Plastik in Widerspruch standen. 
Vielleicht hatte man diesen Mängeln abhelfen können, wenn 
man sie als solche erkannt hätte. Allein davon war man weit ent- 
fernt; nicht bloss die Künstler selbst, sondern auch ihre Gönner und 
Besteller hielten wohl gar jene Schwachen für Vorzüge, bewunderten 
die Künstlichkeit verschrobener Formen und schwelgten in der bunten 
Mannigfaltigkeit der Einzelheiten, ohne zu bemerken, dass dadurch 
die Einheit des Ganzen zerstört werde. Der Verfall der Kunst war 
eben ein Verfall des Geschmacks, von dem die Beschauer ebenso 
sehr beherrscht waren, wie die Künstler, er war keine vereinzelte 
Erscheinung, nicht ein Leiden, welches ausschliesslich die Kunst traf, 
sondern eine Folge des allgemeinen Verfalls, der das ganze Leben 
ergriffen hatte. Die Kunst war noch immer ein Spiegelbild des 
Lebens; die Altersschwäche, der das Leben erlag, wird an ihr sichtbar. 
Die Blüthe der Kunst fällt naturgemäss "in die Jugendzeit der 
Villker, wo diese bei einfachen Sitten und geringen persönlichen Be- 
dürfnissen neben warmer Empfänglichkeit für alles Gute und Schöne 
mit naivem Selbstvertrauen in die Zukunft blickend ein Ideal der 
Weltordnung zu erkennen glauben und dasselbe mit freier, leicht- 
beweglicher Phantasie künstlerisch verkörpern. Hier finden wir von 
allem diesem fast das Gegentheil, künstliche, verwickelte Verhält- 
nisse, einen schwerfalligen raffinirten Luxus, statt kühner Begeisterung 
eine schwankende, ernüchterte, elegische Stimmung, statt der freien, 
schöpferischen Phantasie eine fast zur andern Natur gewordene Ge- 
wöhnung an überlieferte Forinen, selbst an solche, deren Zweck nicht 
5.
        

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