Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1171666
Vorliebe 
Verstandespoesi e. 
53 
Aehnlich verhält es sich bei den anderen westlichen Nationen. 
Ueberall zeigt sich eine vornehme Poesie mit gelehrten Ansprüchen, 
welche Allegorieen und trockene, weitschiveifige Auseinandersetzungen 
liebt, und daneben eine volksthümliche oder mehr lyrische Dich- 
tung, in der sich der Nationalcharakter bedeutsamer ausspricht. 
Aber Werke von gestaltender Kraft, die sich tief einpragten, kommen 
in beiden Klassen nicht vor. In England unterdrückten die blu- 
tigen Bürgerkriege den poetischen Muth so sehr, dass jene ritterliche 
Dichtung nur durch wenige, steife Reimereien vertreten ist, und das 
tief erregte Gefühl sich nur in den Balladen ungenannter Verfasser 
äussert, welche durch ihren knappen, energischen Ausdruck wirken. 
In Spanien ist zwar die poetische Anlage der Nation in der hei- 
teren Frische und Anmuth und in dem Ausdrucke glühender Leiden- 
schaft auch jetzt erkennbar, und am Ende des Jahrhunderts zeigen 
sich sogar schon bemerkenswerthe Anfänge des Dramas. Aber das 
Vorhcrrschende dieser Epoche ist auch hier die pedantisch-scholastische 
Richtung, welche ausführliche, allegorische Lehrgedichte mit weit- 
lauftigen Reden für die höchste Leistung der Poesie hält und sich 
selbst in den Liebesliedern durch breite Erörterungen und spitz- 
fmdige Wortspiele fühlbar macht. , 
Ganz anders, aber keineswegs günstiger war das Loos der Poesie 
in Deutschland. Während sie in den westlichen Ländern einen 
höiischen oder gelehrten Ton annahm, zog sie sich hier aus den 
höheren Standen zurück und wurde bürgerlich derb. Die Zeiten, 
Wo Wolfram von Eschenbach und Heinrich von Ofterdingen durch 
den hohen Schwung ihrer Dichtung die Fürstenhöfe begeisterten, 
waren langst vorüber. Aeneas Sylvius, der damals in Deutschland 
lebte, beschuldigt die Fürsten, dass sie sich lieber um alles Andere, 
als um Dichtkunst kümmerten. Er mag dabei vorzüglich an latei- 
nische Poesie, die er selbst betrieb, gedacht haben, aber gewiss galt 
für die Nationaldichtung dasselbe. Fürsten und Adel waren zu roh 
oder zu sehr von materiellen Interessen hingenommen, um für gei- 
stige Unterhaltung dieser Art ein feines Verständniss zu haben. In 
der zweiten Hälfte des Jahrhunderts finden wir zwar einige Fürsten 
und fürstliche Damen, welche, um der Rohheit entgegenzuwirken und 
edle ritterliche Gesinnungen zu beleben, die Literatur begünstigen, 
Dichter unterstützen und Bibliotheken sammeln 1). Aber es war dies 
ein fruchtloses und verspatetes Bestreben; die deutsche Poesie bot 
ihnen nicht mehr was sie suchten, sie nahmen daher ihre Zuflucht 
1) Koberstein, 
Grundriss, 4. 
AufL, I. 
437. 
Gervinus, Nat. 
LiL, 
1. Aufl. 
II. 231.
        

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