Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1171641
Poesie. 
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sale der Poesie sich bei den verschiedenen Völkern sehr verschieden 
gestalteten.  
In Frankreich war sie der monarchischen Richtung der Nation 
gemäss ganz in den Dienstpder Fürsten getreten; die berühmteren 
Dichter des Jahrhunderts lebten sämmtlich an den Höfen der Könige 
oder der mächtigen Herzöge von Burgund, Bretagne, Savoyen. Wie 
hoch man hier die Poesie stellte, ergiebt die bekannte Anekdote, 
dass Margarethe von Schottland, die Gemahlin Ludwig XL, des da- 
maligen Dauphins, den Dichter Alain Chartier (1386-1458), den sie 
im Vorzimmer schlafend fand, auf den hässlichen Mund küsste, weil 
derselbe, wie sie ihrem Gefolge erklärte, so goldene Worte spreche. 
Die Poesie war also geehrt und gepflegt, es schien eine neue Blüthe- 
zeit für sie zu kommen. Allein diese aussere Gunst vermochte nicht, 
ihr einen neuen Aufschwung zu geben, die Wärme der Empfindung, 
die Kühnheit der Phantasie, welche der Dichtung des zwölften und 
dreizehnten Jahrhunderts einen so grossen Reiz verliehen hatte, Ver- 
schwand immer mehr. Die Gedanken jener Zeit lagen zwar auch 
dieser neueren Poesie zu Grunde, sie bewegte sich ganz in den Be- 
griffen des idealen Ritterthums, aber diese Begriffe hatten ihre be- 
geisternde Kraft verloren, die Verehrung, die man ihnen zollte, war 
nur eine äusserliche, conventionelle. Gerade jene scheinbar günstigen 
Umstände hemmten "die Dichtung noch mehr. Die Verbindung mit 
der gelehrten Bildung verwickelte sie in spitziindige, unfruchtbare 
Unterscheidungen. Ihre Stellung zum Hofleben beschränkte die Frei- 
heit der Bewegung, sie durfte kein grösseres Maass von Wahrheit, 
Tiefe und Lebensfülle erstreben, als man am Hofe vertragen konnte. 
Die Gunst des Hofes wurde das bewusste Ziel jedes strebenden Ta- 
lentes, es war schon jetzt eine denkbare Kritik, dass ein Gedicht 
nicht hoffahig sei (qu'il ayt mye air de cour). Die epische Dichtung 
hörte ganz auf, die älteren Stoffe gingen in den breiten prosaisehen 
Roman über, und die zahlreichen Reimwerke, welche sich mit der 
Geschichte der Gegenwart beschäftigten, sind trockene, officielle Chro- 
niken, höiisch vorsichtige Lobreden, ohne tieferes Interesse, oder end- 
lich spitzfindige Abhandlungen in Form eines Dialogs. Die Allegorie 
blieb nach wie vor beliebt; Martin Franc setzte in seinem Champion 
des Darnes um 1450 noch einmal das ganze Personal des Romans 
von der Rose in Bewegung, um die frivole Tendenz des ursprüng- 
lichen Verfassers zu widerlegen und die Ehre der Damen gründlich 
zu retten. In anderen Gedichten treten dann Ritter und Damen in 
eigener Gestalt auf, aber immer nur redend, nicht handelnd; sie 
treffen etwa in dem mehr oder weniger ausgemalten Locale eines 
4.
        

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