Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1171474
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Charakterbildung des 
Geistige Richtung und 
15. Jahrhunderts. 
dem Gefühl eigner Verantwortlichkeit erfüllt ist. Dies Gefühl war 
aber bei der langen Gewohnheit fester Standesregeln und kirchlicher 
Leitung ganz nnausgebildet geblieben und konnte gerade jetzt in der 
Auflösung der hergebrachten Verhältnisse schwer erstarken. Die 
Mischung alter und neuer Anschauungen brachte eine Verwirrung 
der Begriffe hervor, in welcher Genusssucht und Eigennutz wucherten. 
Der Kampf um die Gewalt erhielt bei dem Mangel politischer Ein- 
sicht den Charakter eines Glücksspieles, machte die Menschen kühn, 
begehrlich, zu grossen Erwartungen und Mlagnissen geneigt, aber 
auch unruhig, schwankend, launenhaft. Bei dem Misslingen ihrer 
Plane sind sie bald trotzig, bald verzagt, bei dem Mangel fester 
sittlicher Begriffe halt Jeder sich für berechtigt, die Mittel, deren 
Gebrauch er bei dem Gegner argwöhnte, auch gegen denselben an- 
zuwenden. Die streitenden Parteien steigerten sich daher, gegen- 
seitig, man gewöhnte sich mehr und mehr an Gewalt und Hinterlist, 
an raffinirte Grausamkeit und Rachsucht, an Betrug nnd Verrath. 
Viele waren so gewissenlos, dass sie alle Hülfsmittel, die einen Er- 
folg versprachen, für erlaubt ansahen und zugleich so leichtgläubig, 
dass sie den Erfolg, den sie wünschten, auch von den ungeeignetsten 
Mitteln erwarteten. Man hielt krampfhaft an dem Wahne fest, auch 
die schwersten Verbrechen durch Kirchenbussen und Absolution tilgen 
zu können. Die Freiheit drohete allgemein in Zuchtlosigkeit umzu- 
schlagen, und das Bewusstsein dieser Gefahr musste alle ernsten denken- 
den Manner mit Betrübniss und Sorge erfüllen. 
Aber auch bei der grossen Menge war die Stimmung, ungeachtet 
der gesteigerten Wohlhabenheit und des geräuschvollen Lebensgenusses, 
nichts weniger als heiter. Jene innere Ruhe, welche die Festigkeit 
der Verhältnisse und die Gleichheit der Meinungen dem Mittelalter 
gewährt hatte, war verschwunden. Der Gesichtskreis war bedeutend 
erweitert, aber die Sehkraft des Auges war nicht entsprechend ge- 
wachsen, gab der Seele trübe, unklare Bilder; die Charaktere waren 
individueller, mannigfaltiger, aber schwankender geworden. Niemals 
hat man sich abhängiger, verlassener gefühlt, als in dieser Zeit, wo 
das Bewusstsein der Verkettung menschlicher Dinge und der Einwir- 
kimg natürlicher und übernatürlicher Kräfte die Gemüther überfiel 
und sie mit einer Scheu vor heimlichen Feinden und unbekannten 
Mächten erfüllte. Die Phantasie war auf's Aeusserste gereizt und 
sah überall Schreckgestalten; das Leben schwankte ZWlSChGII Hoff- 
nungen nnd Besorgnissen, ZWlSCheIl Genuss und Gefahr und hatte 
dadurch einen trüben Schein Daher die Neigung zu schwermüthigen 
Betrachtungen, zu Einweisungen auf die Vergänglichkeit der mensch-
        

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