Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1171456
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Charakterbildung des 
Geistige Richtung und 
15.. Jahrhunderts. 
und jene zu studiren, sich genaue Beobachtungen über sie zu ver- 
schaffen, die menschliche Natur in ihrer Wirklichkeit, mit allen ihren 
Schwächen und Dunkelheiten, zu nehmen und sich nicht durch Vor- 
urtheile oder phantastische Betrachtungsweise (imaginations) täuschen 
zu lassen. Vor diesen kann er nicht genug warnen. Deshalb tadelt 
er die schlechte Erziehung (lnauvaise nourriture) der Prinzen, weil 
man sie blos mit ritterlichen Uebungen und Vergnügungen beschäf- 
tige, statt sie zeitig in die Geschäfte einzuführen und zur Menschen- 
kenntniss anzuleiten. Deshalb empfiehlt er ihnen die Lectüre von 
Geschichtswerken, damit sie erfahren, wie es inder Welt hergehe. 
Er selbst ist dabei ein vortrefflicher Führer; mit welcher Feinheit 
verfolgt er die verwickeltsten Intriguen, wie genau kennt er die ge- 
heimen Triebfedern, die klugen Berechnungen, wie lebendig zeichnet 
er die Charaktere. Seine Urtheile sind durchaus massig und milde; 
er weiss es, dass kein Mensch vollkommen ist, und dass man (wie 
Cosmus von Medicis gesagt haben soll) die Welt nicht mit dem Rosen- 
kranze in der Hand regieren könne. Doch er ist dabei ein wohl- 
wollender, frommer Mann, der nicht unterlässt, Grausamkeiten und 
unmoralisches Verhalten zu rügen, und sich stets überzeugt erklärt, 
dass Gott alle Vergehungen strafe. Aber der Erfolg ist ihm dann 
auch das Gottesurtheil, und er hat kein Bedenken, Gott auch das 
Gelingen sehr zweideutiger Unternehmungen zuzuschreiben. Wenn 
es sich um fein angelegte, politische Intriguen handelt, schwankt er 
zwischen dem Tadel des Betrugs und der Bewunderung der Klug- 
heit; nachdem er von den "mauvaisties de ce monde" gesprochen, 
kann er doch seine Freude an der nhabilete" nicht verbergen. rlrg- 
wöhnisch zu sein, sagt er einmal, ist keine Schande, wohl aber be- 
trogen zu werden. Ludwigs XI. vieljahriger, vertrauter Diener und 
voller Bewunderung für diesen seinen klugen Herrn, unterlässt er 
dennoch nicht, dessen Schwächen anzuerkennen und treu zu schildern, 
auch fügt er wohl ein Mal bei der Erwähnung einer Gewaltthat ein 
„was Gott vergebe" (que Dieu pardoint) hinzu. Seine Urtheile nicht 
blos über diesen seinen Herrn, sondern auch über andere Fürsten 
und Grossen haben den Charakter hofmännischer Zurückhaltung. In- 
dessen ist das nicht gerade ein Zeichen einer servilen Gesinnung, 
sie würde ihm nicht gestattet haben so offen und wahr zu schildern, 
sondern eine Folge seiner Weltanschauung. Er hat die Erfahrung 
gemacht, dass die Dinge dieser Welt höchst verwickelt sind, dass 
nichts absolut böse oder gut sei, dass die Erfolge oft von vielen und 
kleinen Umständen abhängen. Er vermeidet daher alle allgemeinen 
Urtheile, sowohl über den Charakter einzelner Menschen, als über
        

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