Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1171403
Raymund von Sabunde. 
Ausbildung 
der Persönlichkeit. 
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Die Thatsache, dass um diese Zeit der bis dahin schlummernde 
Sinn für die Natur erwachte, findet einen anderen, sehr viel stärkeren 
Beweis in den Kunstwerken, die wir später betrachten werden. Nicht 
(larin-also liegt die Bedeutung jenes in der Vorrede des Raymundus 
ausgesprochenen und von den Zeitgenossen so wohlgefällig aufge- 
nommenen Gedankens, sondern darin, dass er uns den Ursprung 
jener Naturliebe und die Schranken, in denen sie sich bewegte, er- 
kennen lässt. Sie ging nicht von den Künstlern allein aus, sondern 
war ein Gemeingut der Nationen, sie beruhte nicht auf der Freude 
am sinnlich Reizenden, sondern auf dem Streben nach Wahrheit und 
auf dem Bedürfniss des frommen Gefühls. Sie verhielt sich daher 
zu dem religiösen Inhalt der Kunstwerke nicht wie ein ihm feind- 
licher oder doch fremder Zusatz, sondern wie eine Ergänzung des- 
selben. Sie war aber andererseits noch oberdächlich, ohne Kritik 
und tieferes Studium. Dies bemerken wir in den Kunstwerken an 
der, ungeachtet des sichtbaren Strebens nach Naturtreue, oft un- 
glaublich mangelhaften Kenntniss der Körperformen, sowie der Ge- 
setze des Lichtes und der Perspective. Wir finden es aber auch bei 
Raymundus bestätigt, der in der Vorrede mit naiver Kühnheit neue 
Gedanken ausspricht, deren 'l'ragweite er gar nicht übersieht und 
um deren Consequenzen er sich im Verlaufe des Buchs gar nicht be- 
müht. Es sind eben Anfange, bei denen man sichimit Wenigem begnügt. 
Mit dieser Belebung des Naturgefühls hängt die erhöhte und 
veränderte Bedeutung der Persönlichkeit zusammen. Sobald man 
sich ilicht 1nel1r mit der Theorie begnügte, sondern die Menschen 
beobachtete, musste man die Verschiedenheit der Charaktere wahr- 
nehmen, und diese Verschiedenheit trat gerade jetzt durch die Ver- 
änderung der Zeiten stärker wie je hervor. Selbst in der Geschichte, 
und wenn man nur die benachbarten Jahrhunderte, das vierzehnte 
und fünfzehnte, vergleicht, ist dies höchst auffallend. Bisher trugen 
die Gestalten, selbst die hervorragenden, mehr oder weniger allge- 
meine typische Züge. Sie erscheinen noch nicht in voller und freier 
Individualität, sondern fast nur als Vertreter ihres Standes oder ihrer 
Aufgabe. Auch da, wo ihre Thaten eine gewisse Grösse, Hochherzig- 
keit, Begeisterung, Beharrlichkeit oder andere Eigenschaften darthun, 
erhalten wir kein volles, anschauliches Bild von ihrem innern Wesen. 
dJeder Versuch, sich ein solches Bild auszumalen, ist irreleitend; wir 
fühlen sofort, dass es nicht zutrifft, dass es moderne, jener Zeit 
fremde Züge angenommen hat. Die Geschichte des fünfzehnten Jahr- 
hunderts dagegen zeigt uns sofort eine Fülle von höchst verschie- 
denen, eigenthüinlichen Persönlichkeiten; sie hat in dieser Beziehung
        

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