Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1171392
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des 
Geistige Richtung und Charakterbildung 
Jahrhunderts. 
Wandlung des Weins in Essig; zu den besten Vergleichen gehört der 
des Wesens der Liebe mit der Wurzel der Pflanze. Sein Buch selbst 
steht daher im Wesentlichen noch auf dem Standpunkte der Scho- 
lastik; nur in der Vorrede zeigt sich der Geist der neuen Zeit. Zwei 
Bücher, so lehrt er hier, seien dem Menschen gegeben, das Buch der 
Natur (liber naturae seu creaturarum), in welchem jede Creatur ein 
vom Finger Gottes geschriebener Buchstabe sei, und das der heiligen 
Schrift. Beide Bücher stimmten in ihrem Inhalte überein, doch so, 
dass ihn die Schrift als Gebot (in modum praecelati seu monitionis), 
die Natur dagegen als Beweis (in modum probationis) gebe. Mit 
dem Buche der Natur müsse man beginnen, weil man erst Gott 
kennen müsse, um seine Gebote zu verstehen. Auch sei dieses Buch 
nicht nur das ältere, das von Anfang an vor den Augen der Mensch- 
heit aufgeschlagen gewesen, während das andere erst später gegeben 
ware, sondern es habe auch den Vorzug, dass es Allen gemeinsam, 
nicht wie jenes blos den Sehriftkundigen verständlich sei, dass es 
nicht verfälscht, nicht vertilgt, nicht unrichtig gedeutet werden könne. 
Es sei die Hauptquelle aller Wahrheit, die Wurzel, der Anfang und 
das Fundament aller zum Heile nöthigen Wissenschaften; man könne 
(laraus in einem Monate mehr lernen, als durch hundertjähriges Stu- 
dium der Doctoren. Es mache den Menschen froh, demüthig und 
gehorsam, zum Hasser der Laster und Liebhaber der 'l'ugend; es 
blahe nicht auf und verleite nicht zur Ueberhebung. 
Wenn dann das Buch selbst hinter dieser begeisterten Vorrede 
zurückbleibt, so beweist das nur, dass das ahnende Gefühl des Ver- 
fassers seinem philosophischen Wissen voraus war, und hinderte nicht, 
dass sein Buch grossen Anklang fand. Dies zeigt sich an den zahl- 
reichen Abschriften und Auszügen, die davon existiren; auch wurde 
es 1484 zu Deventer und bald darauf an anderen Orten gedruckt. 
Dieser Druckort und dann der bedeutsame Titel des einen dieser 
Auszüge: Viola animae, das Veilchen der Seele, deuten darauf hin, 
dass das Buch vorzüglich in den Kreisen beliebt war, die mit den 
Mystikern zusammenhingen. Indessen fand der Gedanke, dass die 
Natur ein vom Finger Gottes geschriebenes Buch sei, auch bei anderen 
Zeitgenossen Beifall, so dass zwei angesehene geistliche Schriftsteller 
und Cardinale, der Spanier Johannes de Turrecremata (1- 1467) 1) und 
der berühmte deutsche Gelehrte Nicolaus von Cusa (l 1464) ihn 
wiederholen. 
1) In seinen seltenen, in Rom 1467 gedruckten Meditationes über die auf seinen 
Befehl im Kreuzgange von S. Maria sopra Minerva ausgeführten Gemälde. Vgl. 
die betreffende Stelle bei Passavant, Peintre graveur I. 131.
        

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