Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1171365
Streben nach eigener Erkenntniss. 
Erfindungen und Entdeckungen. 
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Mittelalter gar nicht oder doch nur höchst vereinzelt vorgekommen 
war. Aber freilich handelte es sich dabei nur um die Natur in ihrer 
Beziehung auf menschliche Bedürfnisse, nicht um die innere objective 
Erkenntniss ihrer Gesetze. Die Naturwissenschaft hielt mit diesen 
praktischen Entdeckungen nicht gleichen Schritt, sie blieb im Wesent- 
liehen auf dem bisherigen scholastischen Standpunkte. Einige Ge- 
lehrte versuchten zwar beobachtend und experimentirend zu verfahren 
und so bessere physikalische Resultate zu erlangen; schärfere Denker 
sprachen schon tiefere Wahrheiten, die erst später vollständig er- 
wiesen wurden, ahnend aus 1). Aber dies waren vereinzelte Gedanken, 
die man nicht in Zusammenhang zu bringen vermochte, und die durch 
die Mischung mit hergebrachten Vorurtheilen und durch die scho- 
lastische Einkleidung, mit der man sie umgab, ungeniessbar und un- 
fruchtbar wurden. Die Gewohnheit der Autorität war zu tief ein- 
gewurzelt, als dass man einem Satze, der in heiligen Büchern oder 
bei angesehenen antiken Schriftstellern vorkam, den Glauben ver- 
sagen, die Kenntniss der Natur noch zu lückenhaft und die Kraft 
eigener Beobachtung noch zu wenig geübt, als dass man solche Ueber- 
liefernngen entbehren, oder auch nur sie kritisch sichten und berich- 
tigen konntefKWeitschweiiigkeit, die als Gründlichkeit erschien, ver- 
band sich mit innerer Oberiiächlichkeit. Man fragte noch immer 
mehr nach der Zahl als nach dem Gewicht der Zeugnisse und stellte 
in bunter Mischung Citate aus den verschiedensten Schriftstellern mit 
unmittelbaren Erfahrungen und mit kühnen, durch vermeintlich lo- 
gische Schlüsse aus beiden hergeleiteten Sätzen zusammen. Es ist 
bekannt, dass dies noch bei der erfolgreichsten aller Deductionen, 
bei der des Columbus, welche ihm die Mittel zur Entdeckung von 
Amerika verschaffte, der Fall war 2). 
Weit entfernt die Nebel der Vorurtheile zu zerstreuen, erzeugte 
diese erste Dämmerung der Naturerkenntniss einen Aberglauben, der 
um Vieles schlimmer war, als der des Mittelalters. Früher, wenn 
man schädliche oder bedenkliche Erscheinungen dem Teufel zu- 
schrieb, liess man es dahingestellt, wie er sie in's Werk gesetzt und 
begnügte sich, ihm mit Hülfe der Kirche zu wehren. Beides gehörte 
1) So namentlich Nicolaus von Cusa. die doppelte Bewegung der Erde u. A. 
Vgl. Humboldt, Kosmos II. 140, III. 382; H. Ritter, Gesch. der Philos. IX. 159 ff. 
2) "Sonderbares Zeitalter", ruft Humboldt im Kosmos aus, „in welchem ein 
Gemisch von Zeugnissen des Aristoteles imd Averroes, unbestimmte Ausdrücke im 
Buche Esra. und bei Seneca über die geringe Ausdehnung der Meere im Vergleich 
zur Masse des festen Landes den Monarchen die Ueberzeugung von der Sicherheit 
eines festen Unternehmens geben konnten!"
        

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