Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im 15. Jahrhundert
Person:
Schnaase, Carl Lübke, Wilhelm Eisenmann, Oscar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169929
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1171342
Hervortreten (des 
Gefühls für Natur und Individualität. 
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denthums, die auf ernste Durchführung nicht Anspruch machten und 
mit der Gesinnung des Volkes keinen Zusammenhang hatten. 
Wenn aber auch nicht in bewusstem Gegensatze gegen das Mittel- 
alter, stand man doch nicht mehr auf dem Boden desselben. Die 
Denkungsweise war unvermerkt verändert, so dass alle Handlungen 
und Aeusserungen, selbst die, welche die Erhaltung und Herstellung 
der früheren Institutionen bezweckten, eine Richtung annalnnen, die 
der neuen Zeit zuführte. Das Wesentliche dieser Abweichung können 
wir mit den Worten: Natur und Individualität andeuten. Das 
System des Mittelalters beruhte auf der Tradition; es beachtete die 
Natur nicht, fühlte kein Bedürfniss, dieselbe zu beobachten, ihren 
Weisungen nachzugehen. Es hatte für alle Stände und Berufsarten 
bestimmte Regeln, feste Ideale gegeben, welche freilich der Sub: 
jectivität noch einen weiten Spielraum liessen, aber ihr doch den 
Weg wiesen, auf dem sie zu wandeln hatte, und so den Genossen 
desselben Standes eine gewisse typische Aehnlichkeit gaben. I1n spä-  
teren Mittelalter war dies System bereits in manchen Beziehungen 
gemildert, aber den stärksten Stoss erlitt es doch erst durch die re- 
ligiöse Krisis und ihre Nachwirkungen im Anfange des fünfzehnten 
Jahrhunderts. Als der Verfall der Kirche und mit ihr der aller 
guten Ordnung Alle und zwar in ihren heiligsten Gefühlen und eigensten 
Interessen bedrohte und beunruhigte, fühlte sich auch Jeder berufen, 
mitzuwirken oder doch mitzurathen. Es war eine factische Emanci- 
pation; man war, da das bisherige System wankte, darauf angewiesen, 
sich nicht blos innerhalb desselben, sondern in der allgemeinen Natur 
der Dinge nach Stützen für dasselbe umzusehen. Man begnügte sich 
nicht mehr damit, die Gelehrten und Geistlichen zu befragen, son- 
dern suchte selbst. Daher denn die jugendliche Regsamkeit des 
fünfzehnten Jahrhunderts. Auf dem religiösen Gebiete hatte sie 
ihren Anstoss erhalten, aber die Herstellung der Kirche war eine so 
schwere Aufgabe, dass selbst die Mächtigsten und Gelehrtesten keine 
Hoffnung erheblichen Erfolges hatten. Auf weltlichem Gebiete war 
die Arbeit leichter und dankbarer, dahin wendeten sich mithin die 
wachgerufenen Kräfte. In den westlichen Ländern wurden sie zu- 
nächst (lurch die politischen Wirren in Anspruch genommen; in 
Deutschland und Italien suchten sie nach anderen Aufgaben. Man 
begann daher an den Dingen der nächsten Umgebung und besonders 
des eigenen Berufes Kritik zu üben und nach Verbesserungen zu 
streben, einzelne Erfolge ermuthigten und erzeugten eine wetteifernde 
Thätigkeit, die um so reger wurde, weil es neue, bisher unbenutzte 
Kräfte waren, die sich nun mit jugendlicher Lust bewegten. Daher
        

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