Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Franz Kugler's Handbuch der Geschichte der Malerei seit Constantin dem Großen
Person:
Kugler, Franz Blomberg, Hugo/von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1163311
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1169257
252. 
Holzschnittwcrke 
der 
Todtentanz. 
551 
Stände mitten im Leben, in ihrer täglichen Umgebung 
unversehens vom Tode überrascht werden und macht das 
noch mit Fleischlappen behangene Skelett (nachdem schon die 
"altern Todtentänze etwas Höhnisches hineingelegt) unmittel- 
bar zu einem tückischen Dämon, welcher mit scheusslicher 
Schadenfreude Jeden in Ausübung seiner Geschäfte und 
Würden stört. Den Papst packt er von hinten, während der- 
selbe einen König krönt; dem zwischen Plot-lauten und Sup- 
plicanten throncnden Kaiser drückt er die Krone ins Haupt 
hinein; dem am Prunkmal sitzenden König kredenzt er Gift; 
der stolzen Kaiserin, welche zwischen ihren schweigend 
blinkenden Frauen einherschreitet, zeigt er mit der Geberde 
eines Galans das offene Grab; der Königin naht er in der 
Verkappung eines Hofnarren; dem mit seinen Falkenieren 
prunkvoll ins Chorziehenden Domherrn zeigt er an der Sand- 
uhr, welches die Hora sei; dem bestechlichen Richter windet 
er von hinten den Stab aus der Hand; den Priester mit der 
Monstranz begleitet er als Sacristan mit Laterne und Glöck- 
chen; zu der Nonne, welche beten will und sich doch nach 
ihrem Zitherspielenden Buhlen umwendet, schleicht er heran, 
um die Lichter ihres Altärchens auszulöschen; dem Wucherer 
holt er das Geld und damit auch die Seele weg; den Schiff- 
leuten erklettert er ihr vom Sturm gejagtes Schiff und reisst 
es in den Abgrund; dem Edelmann zerschmettert er das 
Wappenschild am Kopfe; der Braut, welche sich eben 
schmücken will , hängt er von hinten ein Halsband von 
Todtenknochen um; den Räuber, der eben ein Marktweib 
überfällt, würgt er von hinten, u. s. w. Auf einem der spä- 
tern Blätter sieht man einen elenden Krüppel auf einem 
Misthaufen; wie Alles ohne Erbarmen an ihm vorübergeht, 
lässt ihn auch der Tod sitzen.  Jede sittliche Verklärung 
des letzten Schicksals, jede Grösse des Fatum's ist hier mit 
Absicht von der Hand gewiesen; denn die paar beigefügten 
Blätter mit der Auferstehung u. s. W. können (10011 hiefür 
nicht als Ersatz gelten. Aber welche Tiefe der Lebensauf- 
fassung, welch freien Blick über die Dinge der irdischen Welt 
setzt dieser verwegene Humor, diese vernichtende Ironie vor-
        

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