Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Franz Kugler's Handbuch der Geschichte der Malerei seit Constantin dem Großen
Person:
Kugler, Franz Blomberg, Hugo/von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1163311
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1168380
464 
Buch 
Norden. 
XVI. 
Jahrhundert. 
Aber auch in dieser höchsten Blüthezeit war Ziel und 
Ende der nordischen Malerei von dem der italienischen 
wesentlich verschieden. In Italien entfaltete sich eine reichste 
Blüthe höchster, vollkommen schöner Kunstleistungen; hier 
ward jene Wunderzeit des griechischen Alterthums wieder- 
geboren, da die Schönheit dem Auge des Sterblichen sich 
offenbarte, der göttliche Gedanke in vollendeter Gestalt sich 
verkörperte, die höchste Würde des Menschen anschaulich 
im Bilde dargestellt ward.  Auch den Nordländern war 
die Anlage zur Entwickelung und Gestaltung der Schönheit 
nicht versagt; Wir haben in den Werken des romanischen 
und des germanischen Styles mehrmals ein erfolgreiches 
Streben nach ideal-schöner Auffassung nachgewiesen und 
auch bei den Meistern des XV. Jahrhunderts die realistische 
Auffassungsweise durch den Ausdruck einer „schönen Seele" 
(man verzeihe dies Wort, das gerade hier bezeichnend ist) 
auf eine höhere Stufe gehoben oder wenigstens eigenthüm- 
lich durchbrochen gefunden. Dass nun gleichwohl diess höchste 
Element der Schönheit nicht zur Reife gelangt, liegt an der 
Uebermacht anderer geistiger Interessen und Richtungen. 
In den Vordergrund tritt hier wiederum dasjenige Ele- 
ment, welches man gewöhnlich mit. dem Namen des Phan- 
tastischen bezeichnet. Es bildet einen Grundzug im 
Charakter der nordischen Völker und ich möchte es am lieb- 
sten aus der nordischen Natur erklären. Der heitre Himmel 
des Südens, die klare durchsichtige Luft, die anmuthvollen 
Linien seiner Bergziige, die plastischen Formen seiner Vege- 
tation geben dem Aug' und dem Gemüthe des Beschauers 
Ruhe und Befriedigung; nicht so die nordische Natur. Wo 
der Himmel mit Wolken bedeckt ist, WO Nebel in den 
Thälern treiben, wo. die Erde ein halbes Jahr lang ihres 
Schmuckes beraubt ist und im Schlummer liegt, da wird das 
Gemüth zu eigner Thätigkeit angereizt, und es bevölkert den 
öden Raum mit selbstgeschafienen Gebilden. Daher die Mähr- 
chen des Nordens, welche Italien und Griechenland nicht 
kennen und welche auf einer von den Mährchen des Orients 
so bedeutend verschiedenen Grundlage beruhen. Daher die
        

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