Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Franz Kugler's Handbuch der Geschichte der Malerei seit Constantin dem Großen
Person:
Kugler, Franz Blomberg, Hugo/von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1163311
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1167301
35b 
Buch 
Norden. 
Jahrhundert. 
aus Archiven als aus der gleichzeitigen Literatur zu gewin- 
nen; die Kunst war für die Schreibenden offenbar kein 
Lebensinteresse mehr, sie stand in einem ganz andern Ver- 
hältnisse zur Bildung als in Italien.  
Bleiben wir vor der'Hand bei der Betrachtung des XV. 
Jahrhunderts stehen. Der Uebergang aus dem germanischen 
Idealismus in den oft sehr schroffen und herben Realismus 
vollzog sich mit überraschender Schnelligkeit; nur dass die 
Grundlage des erstern, die Welt der Stimmungen, auch im 
letztern immer Wieder zum Vorschein kömmt. Man mag in 
der scharfen, selbst tief in's Unschöneü) und (sit venia 
verbo) Philiströsc gehenden Individualisirung, in der lieissi- 
gen Durchfühgung aller Nebendinge eine Verwandtschaft 
finden mit der prosaischen Verständigkeit, dem volks- 
thümlichen Witz in der damaligen Literatur und Poe- 
sie, ja wielleicht mit derjenigen Richtung auf das Prak- 
tische iund Neue, welche in jener Zeit zur Erfindung des 
Bücherdruckes führte; immer aber geht ein phantastischer 
Geist nebenher, welcher dem Kunstwerk zwar bisweilen seinen 
höchsten Reiz verleiht, ihm aber auch den Stempel eines will- 
kürlichen, postulirten Daseins aufdrückt. Er ist es, Welcher 
die nordische Malerei z. B. in allen Fragen der Perspective 
(mit Ausnahme der Flandrer) auf der allerkindlichsten Stufe 
festgehalten hat, welcher sie in dem bunten F arbenkampf, in 
der Bevorzugung des Untergeordneten ein künstlerisches 
hlotiv finden liess, Welcher sie endlich für das Wilde und 
Burleske unempfindlich machte. Vielleicht wird man in der 
damaligen spätgothischen Baukunst eine ähnliche Vereinigung 
des trocken Verständigen mit einem phantastischen Reichthum 
erkennen; während manches Einzelne von seiner ursprüng- 
lichen (organischen und plastischen) Bedeutung abgelöst, der 
Gegenstand eines scharfen, trockenen, schematischen Linien- 
spieles wird, zeigt sich anderwärts eine verwirrende Fülle 
freier Verzierung, ein vegetabilisches Aufblühen im Stein, 
welches sich  recht nach der Weise dieses Jahrhunderts  
nicht mehr mit dem architektonisch Nothwendigen begnügt.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.