Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Franz Kugler's Handbuch der Geschichte der Malerei seit Constantin dem Großen
Person:
Kugler, Franz Blomberg, Hugo/von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1163311
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1167289
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Buch IV. 
Norden. 
Jahrhundert. 
52111 
das ganze XV. Jahrhundert hindurch nicht über das von 
der flandrischen Schule Geleistete hinausgekommen, ja inner- 
halb derselben steht Johann! van Eyck in gewissen Dingen 
allein; die Kunstmittel, welche er so ausserordentlicl1 ver- 
mehrt hatte, schreiten lange Zeit eher rückwärts als vorwärts, 
indess in Italien Schule- auf Schule entsteht, deren jede ein 
neues Princip der Darstellung entwickelt. Zunächst und am 
meisten fällt die grosse Ungleichheit der Durchbildung auf; 
in einzelnen Dingen erstrebt die Kunst die höchste Natur- 
genauigkeit, während ihr in andern Beziehungen, namentlich 
was den Gesammtorganismus des Körpers betrifft, das Aller-e 
nothwendigste verschlossen bleibt. Grosse Talente treten 
auf; sie schaffen Charakterköpfe voller Schönheit und Würde, 
sie offenbaren riefsinnige und phantasiereiche Intentionen, sie 
beuten die Umgebungen des Lebens mit eigenthümlicher- 
Poesie, mit gewaltigem Humor aus;  aber in der Dar- 
stellung des Lebendigen, des organisch Bewegten gehen we- 
der die rlandrische Schule noch die von ihr abhängigen 
Deutschen des XV. Jahrhunderts wesentlich über Johann 
van Eyck hinaus und die meisten bleiben hinter ihm zurück. 
Die Gestalt ist und bleibt ein conventionelles Schemen ohne 
wahre Lebensfähigkeit; höchstens werden Hände und Füssie 
sorgfältig und naturwahr behandelt; sonst knüpft sich der 
ganze innere Reichthum des Malers an den Ausdruck der 
Gesichtszüge und an die phantastische Behandlung des Ein- 
zelnen. Dass selbst innerhalb dieser Beschränkung Grosses 
zu leisten war, wird u. a. bei Martin Schön nachzuweisen 
sein, bei welchem die Anfänge einer höhern dramatischen 
Belebung, eines tiefern Gefühls für Composition nachdrück- 
licher hervortreten als bei irgend einem seiner flandrischen 
Zeitgenossen. Aber erst mit dem Ende des Jahrhunderts, 
mit Dürer und Holbein beginnen von einer ganz andern 
Seite aus: als bei den Van EYckis, erfolgreichere Bestrebun- 
gen nach einer harmonischen Durchbildungg- die gefesselten 
Geister scheinen auf einmal zu erwachen; man lernt den 
Körper kennen und in seiner schönen Lebendigkeit darstel- 
len; die Anordnung erreicht die schönste Freiheit und Ge-
        

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