Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Franz Kugler's Handbuch der Geschichte der Malerei seit Constantin dem Großen
Person:
Kugler, Franz Blomberg, Hugo/von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1163311
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1165785
204 
Buch III. 
Italien. 
XVI. J ahrhund ert. 
Rafael. 
176. 
Altar im Chor einer Kirche. Vor demselben kniet der Prie- 
ster, welcher die blutende Hostie mit dem Ausdrucke von 
Befangenheit, Staunen und "Beschämung betrachtet. Hinter 
ihm Chorknaben mit Kerzen in den Händen. Auf der andern 
Seite des Altars, vor seinem Betstuhle, kniet Julius II. betend, 
-die Augen mit unerschütterlicher Festigkeit und dem Aus- 
druck vollkommener ernster Üeberzeugung auf das Wunder 
geheftet. Seitwärts (zu beiden Seiten des Fensters) gehen 
Treppen hinab. Auf der Seite des Priesters drängt sich 
zahlreiches Volk mit dem Ausdruck mannigfaltigster Ver- 
wunderung heran; vor der Treppe eine Gruppe von Weibern 
und Kindern, die soeben auf den Vorgang aufmerksam ge- 
macht werden. Auf der andern Seite, hinter dem Papste, 
knieen Cardinäle und andre Prälaten in verschiedener Theil- 
nahme an dem Ereigniss; vorn vor der Treppe ein Theil der 
päpstlichen Schweizergarde.  Nächst "der treiflichen, in sich 
vollendeten Composition zeichnet sich dies Bild durch eine 
sehr wohlgelungene Charakteristik aus; das höfisch schmieg- 
same in den Gestalten der Priester, die derbe baurische Kraft. 
der Schweizer, die verschiedene Weise, wie die Personen im 
Volke ihre Theilnahme bezeugen, vornehmlich aber die höchst 
liebenswürdige Naivetät der Chorknaben und der Jünglinge, 
welche über die Brüstungsmauer des Chores blicken, Alles 
dieses schliesst sich den sehr bedeutsamen Hauptpersonen auf 
erfreuliche Weise an. In der technischen Ausführung dieses 
Bildes rühmt man vornehmlich das Colorit und stellt hier 
Rafael den Meistern der venetianischen Schule zur Seite; doch 
hat die Farbe, wenn auch warm, im Vortrage hie und da 
etwas Rohes, ich möchte fast sagen Tapetenartiges; und lässt 
bereits eine gewisse Gleichgültigkeit gegen die Vollendung 
des Einzelnen ahnen, die von jetzt ab mehr und mehr in den 
Fresken der vaticanischen Stanzen ersichtlich wird. 
Wenn letzteres schon darin begründet sein dürfte, dass 
Rafael in den letztbesprochenen Bildern sich zur grössten 
Freiheit künstlerischer Conception emporgearbeitet hatte und 
dass solche Freiheit, wie es in der menschlichen Natur ein- 
mal begründet ist, leicht zur Unterschätzung der äussern
        

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