Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Franz Kugler's Handbuch der Geschichte der Malerei seit Constantin dem Großen
Person:
Kugler, Franz Blomberg, Hugo/von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1163311
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1164942
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Buch III. 
Italien. 
XVI. J ahrhundcrt. 
Leonardo. 
scheue Beobachtung. Hier sitzt, inmitten der ersten Gruppe, 
der Verräther, ein versehlossenesischarfes Proül; er blickt 
hastig forsehend zu Christus empor, gleichsam die Worte 
sprechend: "Bin ichs, Rabbi I?"  während er die linke Hand 
und Christus die rechte, dem Vorgange der Schrift gemäss, 
der Schüssel, die zwischen ihnen steht, unbemerkt nähern.  
Ieh habe bereits geäussert, dass noch eine sehr grosse 
Unsicherheit über diejenigen Werke, welche von Leonardo 
erhalten sein sollen, herrscht; und dass bei WVeitem das Meiste 
als Schülerarbeit betrachtet werden muss. Leonardo konnte 
sich nie genügen, er arbeitete langsam und liess Manches 
unvollendet, was sich schon durch die langen Unterbrechungen 
in seiner künstlerischen Thätigkeit hinreichend erklärt. Was 
1er aber an einzelnen Motiven und Conceptionen, wenn auch 
vielleicht nur flüchtig entworfen hatte, genügte schon, um 
eine ganze Schule zu beschäftigen und ihr den Stempel sei- 
nes Genius aufzudrüeken. Eine ganze Reihe von seinen Er- 
findungen ist nur durch solche Bilder seiner Schule bekannt. 
Wir werden im Folgenden nur das Bedeutendste von diesen 
Dingen erwähnen. 
Unter den kleineren Gemälden, die Leonardo in Mailand 
ausgeführt, werden vornehmlich die Portraits der beiden Ge- 
liebten des Lodovico Sforza, der Cecilia Galleroni und der 
Lucretia Crivelli gerühmt, von denen sich das erste in Mai- 
7. land, das zweite in Paris beünden soll. Letzteres ist jener 
ernste, wunderbar reizende Kopf, welcher dort den Namen 
der belle ferroniere führt; bei etwas strenger Behandlung, die- 
noch an die Kunst des XV. Jahrhunderts erinnert, zeichnet 
sich dies Bild durch ungemein zarte Modellirung aus, ohne 
doch irgendwie jenen gesuchten Effekt im Helldunkel zu err- 
streben, der zu den minder erfreulichen Seiten" der von Leo- 
8. nardo begründeten Richtung gehört. Die Sammlung der 
Ambrosianisehen Bibliothek zu Mailand besitzt eine Reihe 
 sehr interessanter kleinerer Werke, unter denen die in Oel 
gemalten Portraits des Lodovico und seiner-Gemahlin (diese 
ebenfalls noch in der früheren, strengeren Weise des Künst- 
9.-lers), vornehmlich aber einige in Pastell entworfene Portraits
        

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