Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Franz Kugler's Handbuch der Geschichte der Malerei seit Constantin dem Großen
Person:
Kugler, Franz Blomberg, Hugo/von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1163311
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1164935
161. 
Das 
Abendmahl 
in 
delle 
Grazie. 
119 
überhaupt für die Entwickelung einer bewegten Handlung so 
höchst ungünstig scheint, hier nufs Mannigfaltigste belebt 
und in geistreiehster Durchführung zu einem gegliederten 
Ganzen geordnet. Den Mittelpunkt bildet die Gestalt Christi, 
der ruhig und von den andern isolirt. dasitzt; die Jünger 
reihen sich je drei und drei zu einander, so dass sich auf 
jeder Seite des Heilandes zwei gesonderte Gruppen bilden. 
Diese vier Gruppen zeigen in ihren allgemeinen Formationen 
mannigfach entsprechende Motive, einen eigenthümlieh har- 
monischen Rhythmus in ihren Bewegungen, zugleich aber die 
reichhaltigstc Verschiedenheit in ihren Geberden und im Aus- 
druck der Köpfe; wie die verschiedenen Altersstufen von der 
zarten Jugend des Johannes bis zum Greisfenztlter des Simon, 
so sind auch alle Gemüthsbewegungen von innerlichster 
Trauer und Bangigkeit bis zum entschiedenen Raehebegehren 
durchgeführt; hier vornehmlich zeigt sich jenes von Leonardo 
so sorglieh gepdegte Studium der Physiognomik, jenes Ver- 
mögen, in den Mienen des Gesichtes und den Bewegungen 
der Hand ein bestimmtes Wort auszusprechen, in seiner höch- 
sten Meisterschaft. 
Es sind die bekannten Worte Christi: „Einer unter euch 
wird mich verrathen," welche die trauliche Gesellschaft. in 
die lebhafteste Unruhe versetzt. haben." Christus selbst breitet 
die Hände vor sich und neigt das ItIaupt, die Augen niedere 
geschlagen, leis auf die Seite. Jenes zerfetzte zerrissene 
Stück Papier mit dem Entwurf zum Kopfe Christi, welches 
in der Galerie der Brera aufbewahrt wird, lässt noch den 
höchsten Ernst und die göttliehste Milde, den Schmerz um 
den treulosen Jünger, das bestimmte Vorgefühl des eignen 
Todes, die heiligste Unterwerfung unter den Willen des Va- 
.ters erkennen und giebt eine Ahnung von dem, was der 
Meister in dem ausgeführten Bilde darzustellen vermochte. 
Die beiden Gruppen zur Linken Christi sind voll leiden- 
schaftlicher Aufregung, die erste zum Erlöser gewandt, die 
zweite unter sich sprechend; Schreck, Entsetzen, Argwohn, 
Zweifel wechseln hier injden mannigfaltigsten Aeusserungen. 
Auf der rechten Seite herrscht dagegen Stille, leises Flüstern,
        

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