Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Franz Kugler's Handbuch der Geschichte der Malerei seit Constantin dem Großen
Person:
Kugler, Franz Blomberg, Hugo/von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1158704
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1159578
46 
Buch 
Christl. 
Alterthum. 
selbe damals noch das gesammte äussere Leben erfüllte, an- 
schliessen musste; ja indem man bisweilen von dem „guten 
Hirten" ausgehend das Hirtenleben überhaupt in seinen ver- 
schiedenen Situationen darstellte, gewann man einen harm- 
losen Ersatz für die bisherigen mythischen, zumal bacchischen 
2. Darstellungen. In ganz ähnlichem Sinne erweiterte sich das 
Symbol des Weinstockes zu umständlichen Scenen der Wein- 
bereitung durch nackte Kinder oder Genien, wie wir sie an 
Sarkophagen und in Gruftmalereien der frühesten Zeit Öfter 
(largestellt finden. Auch das Gegenstück des guten Hirten, 
nämlich Christus als Fischer, fehlt nicht, und selbst als 
Richter im Vvettkamlafe (Agonothet) wurde er, obwohl nicht 
häufig, sinnbildlich dargestellt. 
3_ Eine seltene und für den ersten Augenblick sehr befremd- 
liche Darstellung, die auf Christus gedeutet werden muss, ist 
die des Orpheus, der mit den Tönenseiner Leier die 
Thiere des Waldes an sich lockt. Die Aufnahme einer, der 
antiken Mythe angehörigen Person in den Kreis der christ- 
liehen Anschauungen wird erklärlich durch die grosse Hoch- 
achtung, die die reineren orphischen Lehren auch bei den 
christlichen Kirchenvätern fanden und durch die Analogieen, 
die man in der Mythe des Orpheus mit der Geschichte Christi 
und vielleicht noch mehr mit dem Wesen des die Heiden und 
Barbaren bändigenden Christenthums zu finden glaubte. In 
der phrygischen Tracht, welche die spätere antike Kunst ihm 
ertheilt, sitzt Orpheus, mit der Leier, von Thieren umgeben, 
zwischen Bäumen, wobei sich eine gewisse Verwandtschaft 
mit einigen Darstellungen des guten Hirten nicht verkennen 
4. lässt. Wenn indess ein so gewagtes Sinnbild beim Fort- 
schreiten der christliehen Kirchenlehre bald verschwand, so 
hielten sich andere, unschuldigere Ausdrucksweisen der alten 
Kunst, so innig sie auch mit der heidnischen Naturreligion 
zusammenhingen, desto länger. Das Merkivürtligste in dieser 
Art sind die Personificationen der Natur, wie sie den Alten 
bei ihrer geflissentlichen Beschränkung auf die Menschenge- 
stalt geläufig geworden Waren: bis tief ins Mittelalter wird 
noch immer hie und da der Fluss durch einen Flussgott, das
        

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