Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Franz Kugler's Handbuch der Geschichte der Malerei seit Constantin dem Großen
Person:
Kugler, Franz Blomberg, Hugo/von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1158704
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1162054
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Buch II. 
Mittelalter Der Norden. 
Gothiseher Styl. 
Enden sich vereinigt in der kaiserl. Bibliothek zu Paris. 
Eines der ältesten Denkmäler dieser Reihe, vielleicht vor 
1360 verfertigt, ist die mit 512i Vignetten (auf jeder Seite 8) 
versehene Bibel Philipps des Küllnen, höchst wahrscheinlich 
von niederländischer Herkunftl). Die Figuren sind leicht 
und meisterlich mit der Feder gezeichnet und nur theilweise 
flüchtig getuscht; der Styl entspricht den besten gothischen 
Arbeiten; die Motive in den heiligen Gestalten sind edel 
und dramatisch höchst lebendig, die Köpfe zwar noch meist 
nach einem allgemeinem Typus, doch mit Ausdruck behan- 
delt. Hie und da finden sich schon vortreffliche humoristische 
Eriindungen, wenn z. B. die Versuchungen der Welt durch 
einen Zechenden, einen Andern welcher Geld dar-bietet und 
ein Liebespaar in Umarmung ausgedrückt sind, u. dgl. m. 
Üeberhaupt zeigt sich viel freie Phantasie, namentlich in 
5- den Teufeln.  Ein ebenfalls niederländisehes Brevier, mit 
höchst feinen und zierlichen Vignetten, welches einst Carl VI. 
6- gehörte, scheint um 1580 angefertigt zu sein.  Vielleicht 
stammt. aus derselben Zeit eine französische UCbGFSetZung des 
Mareo Polo u. a. Reisebesehreiber, mit zahlreichen, oft höchst 
fabelhaften Darstellungen, welche in der Zeichnung nicht 
vorzüglich, in der malerischen Ausführung dagegen sehr weich 
und zart sind. Die Behandlung lässt bei einer unläugbaren 
Einwirkung von der Schule Giottois, etwa von Spinello Are- 
tino her, auch schon eine gewisse naturalistisehe Lebendig- 
7' keit erkennen.  Ein „Rational des divins offices", 1374 für 
Carl V. geschrieben, und ein allegorisches Werk „du roy 
Modus etc." vom Jahre 1379 zeigen in der sehr schwachen 
Zeichnung und in den noch ziemlich allgemeinen und aus- 
i?) Waagen a. a. O. S. 327 vermuthet, es sei dieselbe Hand- 
schrift, für deren Aussehmüekung Philipp den Brüdefn Manuel vier 
Jahre hindurch täglich 20 Fels (nach jetzigem Gelde etwa 9 Francs) 
auszahlen liess; eine für jene Zeit ausseroi-dentlich bedeutende Aus- 
gabe. Dass Handschriften dieser Art als Pfänder gegen hohe Darleihen 
aus einer Hand in die andere gingen, ist urkundlich zu beweisen. 
Die Gemahlin Carls VII. versetzte in einer Zeit der Noth ihre Bibel 
an einen ihrer Kammerjunker gegen 343 Livres.
        

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