Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Franz Kugler's Handbuch der Geschichte der Malerei seit Constantin dem Großen
Person:
Kugler, Franz Blomberg, Hugo/von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1158704
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1161592
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Buch II. 
Mittelalter. 
Der Norden. 
Gothiseher Styl. 
B. Zweite Hälfte des XIV. und 
Jahrhunderts. .Der entwickelte 
Anfang desbXV. 
gothische Styl. 
ä. 70. Im Verlaufe des XIV. Jahrhunderts offenbaren 
sich die Anfänge einer Zersetzung des mittelalterlichen Wen 
sens, welche in dem grossen kirchlichen Sehisma, in der von 
der Kirche abseits liegenden Staatenpolitik, in der schärfßrn 
Entwickelung der westeuropäischen Nationalitäten durch hun- 
dertjährige Kämpfe und in dem Emporkommen rein welt- 
licher Interessen im ganzen Abendlande eine sichtbare Ge- 
stalt gewinnt. Es wird 'W0hl nicht zu gewagt erscheinen, 
wenn wir ein kunstgeschichtliches Phänomen mit dieser gros- 
sen Wendung der Weltereignisse in Verbindung bringen, 
nämlich das erste entschiedene Auseinandergehen der Malerei 
in verschiedene Schulen, worauf sehr bald innerhalb dieser 
letztem auch die einzelnen Malerindividualitäten sich kennt- 
lieh machen. Als äusseres Moment kam freilich, wie oben 
(g. 65.) angedeutet wurde, das Ueberhandnehmen der selbst- 
ständigen Tafelmalerei hinzu, welche die Schulen und die 
einzelnen Künstler zur möglichst vielseitigen Darlegung all 
ihrer durch Erfahrung gewonnenen, also subjectiv verschiede- 
nen Praxis nöthigte, sodass schon daraus für unsere An-- 
schauung wenigstens verschiedene Manieren sich ergeben 
müssten Ungleich wirksamer aber war ohneZweifel der 
geistige Umschwung, der sich in dieser Kunstepoche voll- 
zieht. Die Kirche beherrscht die Geister nicht mehr so wie 
früher und wenn sie auch die Kunst fortwährend fast aus- 
schliesslich in ihrem Dienste behält, so hat doch der Maler 
neben der Verherrlichung der kirchlichen Idee jetzt noch ein 
anderes, wenn auch nur halbbewusstes Ziel: die Geltend- 
machung seiner Mittel, ja  in gezvissem Sinne  seiner 
Virtuosität; es erwacht in ihm eine selbständige Freude an 
seiner Arbeit als solcher, und mehr und mehr wird er. dahin 
geführt, sie mit subjectiven Zügen auszustatten. Allerdings 
tragen dieselben Anfangs noch ein solches Gepräge von Kind- 
lichkeit und einfacher Anmuth, dass der Besehauer oft gerade 
hier die höchste Stufe der religiös begeisterten Kunst zu
        

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