Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Franz Kugler's Handbuch der Geschichte der Malerei seit Constantin dem Großen
Person:
Kugler, Franz Blomberg, Hugo/von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1158704
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1160483
Neugrieohen. 
Die Praxis. 
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alle abendländische Praxis weit übertreffenden Schnelligkeit 
in einigen Tagen eine ganze Kirche ausmalen kann; nur 
fragte es sich, welches die innern Bedingungen dieser Pro- 
ductionskraft seien, und dieses Rathsel löste sich allgemach. 
Die neubyzantinischen Maler bedürfen nämlich durchaus kei- 5, 
ner eigenen Gedankenarbeit mehr; nicht nur der Kreis ihrer 
Gegenstände, sondern auch die gesammtc Darstellungsweise 
bis in alle Aeusserlichkeiten hinein ist ihnen durch Herkom- 
men und alte Muster fertig und vollständig vorgeschrieben. 
Sie beginnen mit Durchzeichnungen nach den Werken ihrer 
Vorgänger und lernen nach und nach alle vorkommenden 
Compositionen und Figuren sammt den einzelnen Inschriften 
so weit auswendig, dass sie, wie jener Maler Joasaph, flink 
und ohne alles Besinncn aus dem Gedäehtniss arbeiten kön- 
nen. Eigene Genialität, Geltendmachung des Individuellen 
wäre hier nur hinderlich und würde weder verstanden noch 
anerkannt; auch vergisst man in Griechenland einen Maler, 
und wenn er fünfzig Kirchen ausgemalt hätte, sehr rasch, 
weil seine Persönlichkeit mihseinen Werken gar nichts zu 
thun hat, weil er nur der Kanal eines Allgemeingültigen ge- 
wesen ist. Allerdings klagen die Maler des „heiligen Ber- 
ges" (Hagion Oros) selbst über die jetzige Schnellmalerci als 
über eine Verderbniss und Weisen mit Bedauern auf die gu- 
ten Zeiten hin, da man  nicht etwa selbst erfand! sondern 
nur lieissiger und gründlicher copirte als gegenwärtig. 
Es offenbart sich hier ein gründlicher Unterschied zwi- 6. 
sehen der byzantinischen und der abendländisah-mittelalter- 
lichen Kunst. Auch letztere hielt sich in ihren kirchlichen 
Darstellungen bis zum XIV. Jahrhundert an gewisse Compo- 
sitionen und Motive, im Einzelnen an gewisse Typen, welche 
beständig wiederkehren, und man kann wohl annehmen, dass 
hiedurch wie im Orient die massenhafte Production, deren 
man zum Schmuck riesiger Domkirchen bedurfte, sehr er- 
leichtert wurde und dass aus demselben Grunde die einzelnen 
Individuen und ihre Namen so selten bekannt sind. Allein 
der abendländische Künstler behielt nicht nur, wenn er wollte, 
eine grosse Freiheit in der Anordnung, sondern er gestaltete
        

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