Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Franz Kugler's Handbuch der Geschichte der Malerei seit Constantin dem Großen
Person:
Kugler, Franz Blomberg, Hugo/von
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1158704
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1160095
98 
Buch I. 
Christ]. 
Alterthum. 
Byzantinischer Styl. 
behalten worden. Da man sich aber bald nichts mehr dabei 
zu denken, überhaupt nichts Organisches mehr sich vorzu- 
stellen vermochte, die Massen jedoch dem Geiste des dama- 
ligen Styles gemäss mit möglichst vielen Einzelmotiven aus- 
füllen musste, so entstanden die widersinnigsten Brüche, 
Biegungen, Parallelfalten u. s. W., Alles mit höchster Zier- 
lichkeit ausgeführt und durch Goldaufhöhilng möglichst her- 
vorgehoben. Wo es vollends keine überlieferten Idealtrachten, 
sondern jene reichgestickten, mit Steinen besetzten Mode- 
costüm's der byzantinischen Zeit galt, verliert sich bald jeg- 
liches Streben nach irgend einer künstlerischen Anordnung; 
glatt und ohne Falten liegt das Kleid mit seinen prächtigen 
Qrnamenten, Wie über eine breterne Figur geklebtff)  
4- Es braucht nicht gesagt zu werden, dass diese Mängel sich 
nicht auf einmal, sondern allmälig entwickelten; im eilften 
Jahrh. aber standen sie bereits auf ihrem Höhepunkt, und 
spätere Werke erinnern in ihrer steifen Willkürlichkeit oft 
genug an die chinesische Kunst. In der That steht diese 
zur altindischen in einem ähnlichen Verhältniss der Ausar- 
tung wie die byzantinische zur römischen; nur dass die 
chinesische Malerei  gelegentlich selbst naiv  ihr Extrem 
in einer grimassenhaften iBeweglichkeit, die byzantinische 
aber in trübsinniger Ruhe gefunden hat. Die Gestalten der 
letztern erscheinen nicht wie bei Urvölkern durch kindisches 
Ungeschick gebunden, sondern durch eine innere knechtische 
Angst und Bangigkeit des Künstlers, welche eine Leiche 
lebendig machen soll und sich vor dem Geiste fürchtet. 
1_ g. 25. Von freier Composition konnte bei solchen Uebel- 
Ständen in der Einzelbildung nicht mehr viel die Rede sein, 
und wo uns z. B. in Mosaiken Wenigstens die sinnvolle sym- 
metrische Zusammenstellung, in Miniaturen die schöne leben- 
dige Composition, die antike Personificirung abstrakter Dinge 
a") Man sehe die sehr belehrende Miniatur aus dem XII. Jahrhun- 
dert bei lfAgincourt a. a. O. Tab. 58., WO der Kaiser Alexius I. Com- 
nenus in einem solchen ganz formlosen, glatt übßrgehängten modernen 
Praehtkleide vor einen thronenden Christus hintritt, dessen Gewand noch 
antik behandelt und ohne Zweifel einem ältern Werke nachgeahmt ist!
        

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