Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Civilisation in England
Person:
Buckle, Henry Thomas Ruge, Arnold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1014750
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1020401
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Untersuchung 
des 
Schott. 
Geistes 
eine ausgezeichnete Stelle in der Geschichte der Pathologie gesichert 
hat. Durch sein Bestehen auf der Wichtigkeit des Soliden corrigirte 
er bei all seiner Einseitigkeit die gleiche Einseitigkeit seiner Vor- 
gänger; denn mit äusserst wenigen Ausnahmen hatten alle die 
Pathologen seit Galen den Irrthum begangen, den Flüssigkeiten zu 
viel Gewicht beizulegen und eine blose Pathologie der Säfte an- 
genommen. Cullen wandte die Blicke der Menschen nach der 
anderen Richtung; und obgleich er mit seiner Lehre, das Nerven- 
system sei der einzige ursprüngliche Sitz der Krankheit, einen 
grossen Irrthum beging, war dies doch ein sehr heilsamer Irrthum. 
Er stellte dadurch das Gleichgewicht wieder her. Und ich glaube 
daher, dass er indirect die genauen Untersuchungen der Nerven 
beförderte, mit denen er sich selbst nicht aufhalten wollte, die aber 
in der nächsten Generation zu den vortredlichen Entdeckungen von 
Bell, Shaw, Mayo und Marshall Hall Veranlassung gaben. Um 
dieselbe Zeit war die alte Humoral-Pathologie, welche so viele 
Jahrhunderte geherrscht hatte, praktisch verderblich; denn durch 
die Annahme, dass alle Krankheiten im Blute lagen, brachte sie 
beständige und rücksichtslose Ader-lasse zuwege, die unzähligen 
Menschen das Leben kosteten, ausser dem körperlichen und geistigen 
Schaden, den sie anrichteten; denn die sie nicht ums Leben bringen 
konnten, schwachten sie wenigstens. Gegen diese unbarmherzigen 
Angriffe, welche die Medicin zum Fluch der Menschheit machten, 
war die Solidar-Pathologie der erste wirksame Einhalt. m) Prak- 
tisch und speculativ müssen wir daher Cullen als einen grossen 
Wohlthater des Mensehengeschlechts begrüssen und seine Erscheinung 
925) D1'. Watson (Princzßlcs und Pmctice of Plzysic, 4th edit. London 1857, I, 41) 
sagt von der Humoral-Pathologie: „the absurdity of the hypotheses, and still more 
UM dangcrous practice wlzxiclt this dactrine generated, began to be manifest, and led to 
its total abandonment." Aber mit aller Achtung vor Dr. Watson wage ich zu bemerken, 
dass dieser seiner Ansicht die ganze Geschichte des menschlichen Geistes widerspricht. 
Es giebt keinen Fall, wo man nachweisen könnte, dass irgend eine Theorie wegen 
gefährlicher Folgen aufgegeben worden wäre. So lange eine" Theorie geglaubt wird, 
werden die Menschen ihre üblen Folgen irgend einer Ursache, nur nicht der richtigen 
zuschreiben. Und eine einmal begründete Theorie wird immerfort geglaubt werden, 
bis eine Aenderung im Wissen eintritt, die ihre Fundamente erschüttert. Jede praktische 
Aenderung lässt sich durch genaue Analyse als in erster Instanz von einer Aenderung 
in speculativen Ansichten abhängig nachweisen. Selbst jetzt hegt man noch manche 
Lehren in den civilisirtesten Ländern, die gefährliche praktische Folgen hervorbringen 
nnd dies Jahrhunderte Lang gethan haben. Aber der Schaden, den die Doctrin stiftet, 
schwächt die Doctrin selbst nicht. Das kann nur ein allgemeiner Fortschritt des 
Wissens; er ändert zuerst die Ansichten, dann das Verhalten der Menschen.
        

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