Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Civilisation in England
Person:
Buckle, Henry Thomas Ruge, Arnold
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1014750
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1020337
des 
während 
J ahrh. 
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Sklaverei damit verdecken, dass sie ihre Theorie einen nothwendigen 
Glauben nennen. Es muss daher für einen hervorragenden Beweis 
von Cullen's Liebe zum deductiven Philosophiren gelten, dass er 
trotz seiner Scharfsichtigkeit und Klarheit dachte, in einer so prak- 
tischen Wissenschaft als der Medicin könne die Theorie ohne 
Schaden der Praxis vorauf gehen. Denn es ist ganz gewiss wahr, 
die Geister der Menschen sind im Durchschnitt so gebildet, dass 
die Theorie der Praxis nicht vorhergehen kann, ohne sie zu be- 
herrschen. Es ist eben so wahr, dass eine solche Herrschaft 
schädlich sein muss; selbst jetzt ist die Behandlung der Krankheit 
trotz unserer grossen Fortschritte in der pathologischen Anatomie, 
in der organischen Chemie und in der mikroskopischen Unter- 
suchung sowohl der flüssigen als festen Bestandtheile des Körpers 
weit mehr eine Frage der Kunst als eine Frage der Wissenschaft. 
Was die ausgezeichnetsten Aerzte hauptsächlich charakterisirt und 
ihnen wahre Ueberlegenheit giebt, ist nicht sowohl der Umfang 
ihres theoretischen Wissens,  obgleich" auch dieses oft sehr be- 
deutend ist,  sondern es ist der scharfe und feine Blick, welchen 
sie theils ihrer Erfahrung, theils einer natürlichen Schnelligkeit 
verdanken, womit sie Analogien und Unterschiede auffassen, welche 
dem gewöhnlichen Beobachter entgehen. Ihr Verfahren ist eine 
Art schneller und in gewissem Grade unbewusster lnduction. Und 
aus diesem Grunde sind die grössten Physiologen und Chemiker 
unter den Aerzten natürlich nicht die besten Praktiker. Ware die 
Medicin eine Wissenschaft, so würden sie es immer sein. Weil 
aber die Medicin noch immer wesentlich eine Kunst ist, so hängt 
sie hauptsächlich von Eigenschaften ab, die jeder Praktiker sich 
selbst erwerben muss und aus keiner wissenschaftlichen Theorie 
erlernen kann. Die Zeit für eine allgemeine Theorie ist noch nicht 
gekommen, und es werden wohl noch viele Generationen vergehen, 
ehe sie kommt. Es ist daher nicht nur praktisch gefahrlich, son- 
dern auch logisch falsch anzunehmen, dass eine Theorie der Krank- 
heit als eine Sache der Erziehung dcr Behandlung der Krankheit 
vorausgehen müsse. Die praktische Gefahr der Sache gehört hier 
nicht her, aber ihre logische Seite ist eine merkwürdige Beleuchtung 
der Leidenschaft für systematisches und dialektisches Philosophiren, 
welche den Schottischen Geist charakterisirte. Sie zeigt, dass 
Cullen in seinem Eifer von Principien auf Thatsachen zu schliessen, 
statt umgekehrt von den Thatsachen zu den Principien hinaufzu- 
steigen, im Stande war, in der wichtigsten aller Künste eine Methode
        

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