Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-969200
Italienische 
Architektur. 
Sie finden selbst an der Oede breiter Räume ein gewisses 
Wohlgefallen, weil sie späteren unabhängigen Kunstwerken ein 
freies Feld. gewährt. Das Nothwendige und das Schöne oder 
Zierliche sind daher nicht, wie es der Geist organischer Archi- 
tektur fordert, untrennbar verschmolzen, sondern fallen gelegent- 
lich auseinander. Hölzerne oder eiserne Anker und äussere 
Stützen, die sich ohne irgend eine ästhetische Durchbildung als 
Nothbehelf zu erkennen geben, übersieht das Auge des ltalieners 
leicht, und erfreut sich dafür an der Schlankheit und Leichtigkeit 
der Säule, die, dem Drucke der Gewölbe nicht genügend, solche 
Hülfsmittel nöthig machte. Noch weniger aber fragt man bei 
Facaden, Giebeln, Bildnischen und ähnlichen Decorationen nach 
ihrer organischen Berechtigung, oder nimmt Anstoss an der im 
Verhältniss zu der einfachen Anlage allzu üppigen Fülle hinzuge- 
fügten Schmuckes oder an dem Wechsel reicherer oder spar- 
samerer Decoration an verschiedenen Stellen. 
Alle solche Mängel der organischen Einheit verletzen aber 
auch uns hier keinesweges so,'wie an nordischen Gebäuden, da 
sie nicht als Verstösse gegen eine anerkannte Regel erscheinen, 
sondern vielmehr der Grundanschauung, die sich überall zeigt, 
entsprechen. Es sind Aeusserungen einer Gesinnung, für welche 
das Schöne nur in der Form individueller Leistungen seinen vol- 
len Werth hat, welcher der architektonische Organismus Neben- 
sache und der Zwang durchgeführter Regel unerträglich ist. 
Wenn wir uns auf diesen nationalen Standpunkt zu stellen ver- 
mögen, wird nicht nur das Anstössige solcher Willkürlichkeiten 
sehr gemildert, sondern wir beginnen selbst in dem zunächst Dis- 
harmonischen die innere geistige Harmonie, in der scheinbaren 
Unordnung Maass und System zu entdecken. Diese ist hier in der 
Kunst ebenso wie in der politischen Geschichte dieser Zeit nur 
die natürliche Aeussertntg der Lebensfülle individueller Kräfte 
und giebt uns daher ein unbewusstes Zeugniss und Abbild jener 
Zustände. Diese Gebäude haben dadurch für den nordischen 
Beschaucr etwas Geheimnissvolles, er fühlt sich angezogen und 
kann doch nichts von alle dem aufweisen, was er als architekto- 
nische Vorzüge zu betrachten gewohnt ist. 
Jedenfalls aber entschädigt für diesen Mangel des Ganzen
        

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