Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-969058
Scholastische 
Wissenschaft. 
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Schriftsteller und aus unvollkommenen Beobachtungen gesam- 
melten Notizen des inneren Zusammenhanges entbehrten, desto 
mehr hatten sie den Schein des Geheimnissvollen und Wunder- 
baren. Dazu kam, dass alle jene abergläubischen Wünsche, die 
Zukunft zu erfahren oder durch geheime Mittel in eigne und 
fremde Schicksale einzugreifen, durch die Verhältnisse noch mehr 
angeregt Wurden, und endlich, dass die Gelehrten bei ihrer Be- 
rührung mit dem steifen Ceremoniell der Höfe sich auch ihrerseits 
mit prunkhaften, imponirenden Formen umgeben und in solchen 
äussern zu müssen glaubten. Nicht bloss Astrologen, sondern 
auch Aerzte und Rechtsgelehrte traten daher mit einem Pomp und 
einer Charlatanerie auf, die von tiefer blickenden Männern ver- 
geblich verspottet wurde, und ihre Reden liessen ganz ebenso wie 
bei den andern Nationen den schwerfälligen Takt des Syllogis- 
mus durchhören.  
YVährend aber so die scholastischen und romantischen Be- 
grilfe eine Hinneigung zu den andern Nationen bewirkten, wuchs 
gleichzeitig bei den Italienern ihre Vorliebe für das Alterthum und 
damit das Gefühl ihrer Sonderstellung in der abendländischen 
Völkerfamilie. Die Ausbildung der Vulgärsprache schien zu- 
nächst ein Act der Befreiung und Constituirung der neuen christ- 
lichen Nation, die sich dadurch von ihrer heidnischen Vorzeit ab- 
löste. Das Latein verlor den Schein der noch geltenden und trat 
in die Stellung einer todten Sprache, ähnlich wie bei den andern 
Nationen. Allein dieser Tod war vielmehr ihre Verklärung. In- 
dem sie aufhörte, dem gemeinen Verkehr zu dienen, wurde sie 
selbst von den Barbarismen, die sich ihr angehängt hatten, winde 
die ganze Vorstellung antiker Zustände von der Mischung mit 
spätern Einrichtungen und Begriffen gereinigt, und das Alterthum 
erst jetzt in seiner ganzen Schönheit und Grösse erkannt. Grade 
diese Trennung gab erst den richtigen Standpunkt zur Würdigung 
und erhöhete die Sehnsucht nach dieser grossen Vorzeit. Bisher 
hatten nur die Gelehrten in lateinischen, dem Volke fremden 
Versen diese Sehnsucht ausgesprochen; sobald die Vulgärsprache 
sich frei bewegen konnte, lieh sie gerade diesem Gefühle und dem 
Ruhme dieser glorreichen Vorzeit die glühendsten, Allen verständ- 
lichen Worte. Dante's prachtvolle Verse von dem geknechteten
        

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