Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968992
im 
Spiegel 
der 
Poesie. 
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mit einem Wort die Form der in sich abgerundeten Individualität, 
die ihnen vor Augen steht, während bei den nordischen Nationen 
der Inhalt derselben, die Aufgaben, Anforderungen, Pflichten in 
den Vorgrtmd treten, neben welchen die Persönlichkeit immer 
als die unvollkommene erscheint. Es ist nicht zu verkennen, dass 
diese Richtung den Italienern gewisse Vorzüge gab. Sie handeln 
mit ganzer ungetheilter Kraft und zeigen ihr moralisches Wesen, 
wenigstens ihre augenblickliche Stimmung, in klaren und festen 
Umrissen, während das Doppelbewusstsein eigner Wünsche und 
Empfindungen und allgemeiner Anforderungen den Handlungen 
der Nordländer oft ein schwankendes Gepräge giebt, die Cha- 
raktere schwerer verständlich macht. Aber freilich kam es bei 
jener leidenschaftlichen Energie ganz auf ihren Gegenstand an, 
0b sie nach edeln, gemeinnützigen Zielen strebt oder nur eigne, 
egoistische Vortheile verfolgte. 
Man darf Dante's Gedicht wohl zu den historischen Quellen 
des vor ihm liegenden Jahrhunderts rechnen. Fast alle bedeu- 
tenden Gestalten der italienischen Geschichte dieses Zeitraums 
gehen an uns vorüber, und sind, wie in vielen Fällen die Ver- 
gleichung mit den Chroniken, in allen das innere Gepräge be- 
stätigt, mit vollkommenster Treue und, ohne Zweifel nach münd- 
lichen Berichten, welche der sorgsame Forscher der Geschichte 
seines Vaterlandes bei seinem WVanderleben einzusammeln Ge- 
legenheit hatte, mit einer. Lebendigkeit geschildert, die uns in die 
Mitte der Hergänge führt. Und es ist gewiss der Mühe Werth, 
seinen Spuren zu folgen, sich das Gesammtbild dieses Zeitraums 
zu vergegenwärtigen. Kaum giebt es einen andern, der uns eine 
solche Fülle tiefer Eindrücke, anregender Erscheinungen, lehr- 
reicher, scharf ausgeprägter Charaktere gewährt. Es war das 
heroische Zeitalter der Nation, ein jugendfrisehes, kräftiges, 
im edelsten Sinne des Wortes ritterliches Treiben, ein Leben mit 
tiefen Schatten, aber auch mit starkem Lichte, reich an Gewalt- 
samkeiten, Freveln, Ungerechtigkeiten, Versündigungen aller Art, 
aber auch an Zügen edelster Aufopferung und Hingebung, mann- 
hafter Beharrlichkeit und innigster Liebe. Wozu auch Leiden- 
schaft und Egoismus im Wogen der Kämpfe verleiten mochten, 
es handelte sich bei diesen Kämpfen um hochwichtige und edle
        

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