Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-975473
in 
Palästina. 
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ihrer Feinde und dem Gebrauche dieser dem byzantinischen Style 
unbekannten Bogenart unterworfen haben sollte, und jedenfalls 
waren unter den Schaaren des Kreuzheeres auch abendländische 
Maurer, so dass die Baumeister nicht auf ihre orientalischen Ge- 
hülfen und deren Gewohnheiten beschränkt waren. Beweist doch 
auch das Portal von St. Marie la grande, dass man rundbogig 
wölben konnte. Jedenfalls sprachen also auch andere Gründe mit. 
In der Stellung der Colonisten an sich liegt eine Nöthigung zu 
grösserer Consequenz, sie haben das eroberte oder in Besitz ge- 
nommene Ldnd zu organisiren und bedürfen dazu einfacher, leicht 
anwendbarer Regeln, welche sie natürlich aus den Principien und 
Ansichten bilden, die in ihrem Mutterlande zur Zeit des Auszuges 
galten. Aber während diese Principien hier das Resultat eines 
historischen Prozesses und daher während ihrer allmäligen Aus- 
bildung bei der nothwendigen Berücksichtigung älterer Verhält- 
nisse ungleich angewendet sind, erscheinen sie nun als abstracte 
Gebote, welche in dem fremden und unterworfenen Lande ohne 
Weiteres gleichförmig durchgeführt werden. Das Königreich 
Jerusalem giebt in einer andern Beziehung ein merkwürdiges 
Beispiel dieser Consequenz, in dem Gesctzbuche, den s. g. Assisen 
vonJerusalem, welche das Princip des Lehns mit einer Rücksichts- 
losigkeit geltend machen, an die im Abendlande nirgends zu den- 
ken war. Etwas Aehnliches könnte auch in der Baukunst vor- 
gegangen sein. Der Spitzbogen galt in Frankreich am Ende des 
XI. und des XII. Jahrhunderts wenigstens in gewissen Gegen- 
den schon als der haltbarste Bogen, man konnte sich nur nicht 
entschliessen, ihm die hergebrachte, dem Kreisbogen angepasste 
Ornamentation der Portale und Fenster zu opfern, und behielt 
daher an den zum Schmuck bestimmten Theilen den Rundbogen 
bei. Bei dieser Lage der Dinge ist es wohl denkbar, dass die 
Architekten der Kreuzfahrer, die überhaupt mehr mit Kriegsbau- 
ten als mit Kirchen beschäftigt waren, und auch bei diesen sich 
einfacher halten mussten, bei denen also die Rücksicht auf die 
Ornamentation zurücktrat, es rathsamer und leichter fanden, die 
eine Bogenform durchzuführen. Wie es sich aber auch damit ver- 
halten haben mag, jedenfalls ist es bei dem beständigen Verkehre 
zwischen Palästina und Frankreich nicht unwahrscheinlich, dass
        

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