Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968960
52 
Italien 
im 
XIII. 
Jahrhundert. 
die mittlere Region des Danteschen Charakterbildes; denn wenn 
auf der einen Seite die Tugendstrenge sich bis zu eifrigem Zorn 
steigert, sehen Wir andrerseits Züge der äussersten VVeichheit 
und Zartheit des Gefühls, fast bis an die Grenze der Weichlich- 
keit und Sentimentalität, mit entschiedener Vorliebe geschildert. 
Und zwar betrachtet Dante diese beiden Eigenschaften nicht etwa 
als entgegengesetzte und daher nur bei verschiedenen Individuen 
denkbare, sondern als sehr wohl vereinbare. Er selbst vereinigt 
sie; denn während er in so vielen Stellen sich mit äusserster 
Strenge und mit dem zornigen Eifer ausspricht, den Virgil an 
ihm lobt, schildert er sich in andern als ein Gemüth von eben so 
weit gehender, leidenschaftlicher VVeichheit. Das Mitleid nicht 
bloss mit den Qualen, die er ansieht, sondern auch mit den Leiden, 
die er nur erzählen hört, ist so stark, dass es ihn überwältigt, 
fast tödtet; wiederholt sinkt er „zu Boden hin wie ein Entseelter". 
Seine Schilderung der Gräuel in Ugolin0's Kerker gehört zu dem 
Ergreifendsten, was je geschrieben ist, die Meisterschaft, mit der 
er gewusst hat, den Leser in die ganze Tiefe der Schmerzen 
blicken zu lassen, ist bewundernswerth. Aber es ist doch nicht 
zu verkennen, dass der kunstreiche Farbenauftrag darauf be- 
rechnet ist, den Leser zu erweichen, ihn den Kelch der Rührung 
bis auf den Boden leeren zu lassen. Man braucht diese Schilde- 
rung nur mit denen der antiken Tragödie zu vergleichen, die das 
Leiden auch eben nicht mit schwachen Farben zu malen pflegt, 
um sich davon zu überzeugen. Ja selbst bei der Schilderung der 
Höllenqualen fühlt man es immer durch, dass neben dem warnen- 
den Ernst auch die Absicht zu rühren die Feder des Dichters ge- 
leitet hat. Noch viel stärker wie im Mitleid zeigt sich dann die 
Empfänglichkeit und Weichheit des Gemüthes in der Liebe. 
Man Würde nicht fertig werden, alle die Züge, die dies bestätigen, 
aus Dante's Gedichten zu sammeln; die ganze vita nuova ist eine 
Kette der zartesten Erregungen. Jedes Wölkchen , das einen 
Augenblick die Geliebte beschattet, ruft in der Brust des Dichters 
eine Welt von Schmerzen hervor, jeder Blick, den er erhascht, 
erfüllt sie mit einer VVonne, die in den reichsten Accorden lange 
nachtönt. Und noch im Paradiese ist es Beatrieäs Lächeln, 
das, stets mit neuen Aeusserungen des Entzückens geschildert,
        

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