Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968881
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Italienische 
Poesie. 
Verhältnisse, noch dem Bedürfnisse nach moralischer Einsicht, 
welches die herben Conflicte der Zeit hervorriefen. 
Dieses Bedürfniss der Zeit war es hauptsächlich, welches 
Dante veranlasste, in seiner göttlichen Comödie über die Grenzen 
der bisherigen Lyrik hinauszugelnl und wenn auch nicht durch 
ein direct aufgestelltes Ideal, sondern wirksamer durch Zusam- 
menfassung aller theologischen und philosophischen Wahrheiten 
und durch Einweisung auf historische, wohlbekannte Beispiele, 
hauptsächlich der eigenen nahen Geschichte seines Vaterlandes, 
seinen Landsleuten ein Spiegelbild zu ihrer sittlichen Belehrung 
vorzuhalten. Der ungeheure Erfolg, den sein Werk sogleich er- 
langte, beweist, wie sehr er die Gedanken seiner Nation getroffen, 
wie sehr wir sein Gedicht als einen authentischen Ausdruck des 
Volksgeistes betrachten tiürfen.  
Er vervollständigt zunächst jene 'l'he0rie der Liebe und ge- 
staltet sie den Anforderungen des Christenthums entsprechender. 
Liebeiii) ist die wesentliche, unveräusserliche Eigenschaft jedes 
geistigen Wesens; auch die menschliche Seele ist von dem lieben- 
den Gotte zur Liebe geschaffen, sie hat das dunkle Gefühl von 
einem Gute, in dem sie Ruhe finden kannst) und strebt danach 
eben so nothwendig wie die Flamme nach Oben. Aber unerfahren 
wie ein Kind aus der Hand Gottes hervorgehend, nur ihr Liebes- 
bedürfniss fühlend, lächelt sie allen Dingen entgegen, die sich ihr 
darbieten, ergötzt sich zuerst an kleinem Gute, bis ihr ein grösseres 
und wieder grösseres erscheint, dem sie nachjagtddcf). Um sie vor 
lrrthum zu bewahren, ist ihr die Vernunft, "die rathende Kraft", 
und die Offenbarung gegeben, sind Ordnung und Gesetze vorge; 
schrieben; aber diese sind durch die Schuld derer, denen sie an- 
vertraut, unwirksam, jene werden nicht gehört, und alle Menschen 
i") In den Gesängen des Purgat. XVI, xvu, XVIII. in Verbindung mit 
XXVI. ist diese Theorie ziemlich vollständig enthalten. 
a") Purgat. XVII. 127. Ciascun eonfusamente un bene apprende, Nel 
qual" si quieti Fanimo e desira. Perche di giungner lui ciascun contende. 
 Im Convito braucht Dante einen andern, eben so glücklichen Vergleich. 
Die Seele sei, sagt er, wie der Wanderer am Abend, der jedes Haus, das er 
von fern sieht, für das Gasthaus hält, das ihn aufnehmen könne, und wenn 
er herangekommen seinen Irrthum erkannt hat, nun wieder seine Hoffnung auf 
das nächste richtet, und so fort bis er es wirklirh erreir-ht.
        

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