Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968879
Das 
edle 
Herz. 
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Den einfachen, naiven Ausdruck wirklicher Liebe darf man 
bei diesen Dichtern nicht vorzugsweise erwarten, sie streben gar 
nicht danach, sondern nach etwas Höherem, und ergehen sich 
daher auch gern in abstracten Gedanken, Allegorien und künst- 
lichen Vergleichen. Dass sie dennoch höchst populär wurden, 
erklärt sich zum Theil durch die Anziehungskraft, welche die 
Worte: Liebe und Schönheit ausübten und durch den Ehr- 
geiz, den schönen Seelen zngezählt zu werden, mehr noch aber 
dadurch, dass diese ldealität dem innersten Wesen der Nation 
znsagte. Die kühlere Stimmung nordischer Völker gestattete 
ihnen, sich mit dem Gedanken einer zwar natürlichen, aber durch 
edle Gesinnung gereinigten _Liebe zu befreunden; die stärkere 
Leidenschaftlund Sinnlichkeit der Italiener forderte einen entschie- 
denen Gegensatz, eine Idealität, die nichts mit der sinnlichen Liebe 
gemein hat. Sie will lieber einer solchen Abstraetion sich mit 
gleicher Leidenschaft hingeben, als von Mässigung hören  
Es ist ein ähnlicher Gegensatz, wie der der Ascetik gegen die 
Sinnlichkeit und daher ein mittelalterliches V erhältniss, aber doch 
in einer Auffasstmg, welche, den übrigen Nationen fremd, in Ita- 
lien eine nationale Berechtigung hatte und sich daher hier auch 
noch über das Mittelalter hinaus erhielt. 
Aber freilich doch nur mit einer beschränkten Geltung. Denn 
selbst in dieser ihrer Ursprungszeit konnte die zum Grunde lie- 
gende Theorie nicht unbedingt genügen. Obgleich mit christlichen 
Elementen versetzt, stand sie doch dem Christenthum innerlich 
entgegen. Die Tugenden der alma gentile vertragen sich nicht 
völlig mit denen, welche das Evangelium fordert, und der Amor 
dieser Dichtung war doch etwas sehr Verschiedenes von der Liebe, 
die St. Paulus im Corintherbriefe beschreibt. Eben so Wenig aber ent- 
sprach ihre künstliche Süssigkeit weder dem Sinne für das Kräftige 
und Männliche und für nüchterneWahrheit, den die republikanischen 
4'] Es ist" characteristisch, dass Guido Guinicelli, der erste dieser idealen 
Dichter, von Dante im Purgatorio unter denen gefunden wird, welche die 
Sünden sinnlicher Liebe abbüssen, und dass auch alle Historiker diesen 
Vorwurf bestätigen. Petrarca hatte bekanntlich uneheliche Kinder, und 
Dante war trotz seiner fortdauernden Liebe für Beatrice verheirathet und 
Familienvater.
        

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