Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968866
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Italienische 
Poesie. 
Selbstzweck als ein Mittel, dessen sich die Liebe bedient, um das 
Herz des Liebenden zu veredeln oder ihm die richtige Nahrung 
zuzuführen. Dieses , das edle Herz (alma oder cor gentile), ist 
der Hauptgegenstand der Dichtung und die Liebe nur ein ihm 
verwandtes Wesen. Beide bedürfen einer des andern. Die Liebe 
sucht das edle Herz, wie der Vogel unter grünem Laube Schutze 
sucht, wie das Eisen sich dem Magnete xiähert. Das edle Herz 
bedarf aber auch wieder der Liebe, ohne sie ist es unedler Stoff, 
kaltes Wasser. Und in diesem Sinne ist denn die Geliebte und 
ihre Schönheit die Mittleriil; das kalte Wasser würde nicht er- 
wärmt werden, sondern sich und das Feuer zerstören, wenn 
nicht das Gefäss, der Magnet könnte das Eisen nicht anziehen, 
wenn nicht die Luft dazwischen wäre k). Gewiss ist also nur 
so viel, dass Liebe und edles Herz zusammengehören, eigentlich 
ein und dieselbe Sache sind am) , genau so wie Sonne und Licht; 
kein Licht als von der Sonne, keine Sonne ohne Licht. Die Liebe 
ist es daher selbst, die in der Seele des Liebenden denkt und 
spricht, der Dichter schreibt nur, was sie ihm einhaucht, und nur 
die verstehen seine Verse, die durch die Liebe selbst zu edeln 
Herzen geworden sindi-iälß). Man sieht, auch diese Dichter schrei- 
ben nicht für die grosse Menge, sondern nur für die Edeln der 
Nation, aber nicht, wie die ritterlichen Sänger des Nordens, 
für einen bereits vorhandenen äusserlich begrenzten Stand, son- 
dern für eine geistige, sich erst bildende Aristokratie, für die der 
edeln Seelen  
t] Vgl. für die erste Betrachtungsweise die schöne Canzone von Guido 
Guinicelli: Al cor gentile ripara sempre amore Siccome augello in selva alle 
verdura etc., für die zweite die von Guido delle Colonne: Ancor che Paigua 
per 10 foco lasse la sua grande freddura. Nannucci, Manuale della letteratura 
del primo Secolo. I. 75, 123. 
ü] Amor e'l gentil cor s0n una cosa. S0 Dante in der Vita nuova (Nro. XIL], 
wohl mit ausdrücklicher Beziehung auf Guido Guinicelli. 
i'm) Dante im Amoroso convito: Amor che nella mente mi ragionaw Im 
Purg. XXIV. 52: Jo mi son un', che qnando amore spira nota. Er richtet eine 
Canzone der Vita nuova an die: Donne che avete intelletto d'amore. 
 Guido Guinicelli vergleicht in jener Canzone die, welche durch Ge- 
schleohtsadel edel zu sein meinen, mit dem schlechten Koth der Strasse, der 
unedel bleibe, obgleich die Sonne den ganzen Tag darauf scheine und ihn (von 
fremdem Lichte] glänzen mache.
        

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