Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968852
Ideale 
Liebe. 
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geben und so inder Seele des Liebenden eine Zuneigung zu er- 
wecken, die ganz rein von allem sinnlichen Begehren war, sich 
mit dem blossen Anschauen der Geliebten, mit dem Bewusstsein 
ihres Daseins begnügte, und nur darum die Gunst einer Begeg- 
nung, eines Blickes, einer Kunde von den kleinen Ereignissen 
ihres Lebens erstrebte, um das theure Bild in der Seele zu be- 
leben, um die eigne Liebeskraft immer mehr zu üben und zu be- 
stärken. Selbstbeobachtung und die Neigung, alle solche Ereig- 
nisse und die dadurch in der Seele hervorgebrachten Bewegungen 
Andern, und zwar in der einzigen dazu angemessenen Weise, in 
poetischer Rede, mitzutheilen, waren damit nothwendig verbun- 
den und diese Beschäftigung mit sich selbst fast der wesentlichste 
Erfolg dieser Liebe. Kam dann noch dazu, dassin jenen zarten 
Hergängen der Liebesgeschichte Amor, die personiiicirte Liebe, 
handelnd gedacht ist, dass er z. B. die Geliebte zu jenem Gange 
bestimmt, wo ihr Verehrer ihren Anblick, ihren Gruss erlangen 
soll u. s. f., so war zuletzt die Wirklichkeit derGeliebten ziem- 
lich problematisch und es kam nicht mehr viel darauf an, ob nicht 
auch sie, wie dieser Liebesgott, ein blosses Gedankenwesen sei. 
Der erste, in dessen Gedichten der Begriff dieser idealen 
Liebe und zwar in sehr klarer und geistreicher Weise hervortritt, 
ist Guido Guinicelli von Bologna  1276), den Dante deshalb 
„seinen Vater" nennt, und den Vater „aller Besseru, welche Lie- 
beslieder sangen". Ihren Höhepunkt aber erreichte sie bei Dante 
selbst. Nur bei ihm ist die Liebesgeschichte, die in der Vita nuova 
und im Amoroso convivio beginnt und in der göttlichen Comödie 
vollendet wird, von innerer Wahrheit. Seine Beatrice, die als 
wirkliche Beatrice Portinari schon dem Knaben einen tiefen Ein- 
druck machte, dem Jüngling eine ehrfurchtsvolle Begeisterung 
einfiösste, ohne ihn zu Annäherungen zu ermuthigen, die dann 
als achtzelinjährige junge Frau plötzlich der Erde entrissen wurde 
und nun als Erscheinung oder Phantasiebild sein Leben leitet und 
ihn zu wahrer Erkenntniss führt, ist der edelste und bestimmteste 
Typus dieser idealen Frauen, während bei spätem Dichtern, selbst 
bei Petrarca, im hohen Grade zweifelhaft ist, 0b die Angebetete 
mehr als der willkürlich gewählte Gegenstand allgemeiner Liebes- 
phantasien sei. Jedenfalls ist tiberall die Geliebte nicht sowohl
        

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