Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968826
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Italienische 
Poesie. 
rungen sind hochpoetisch; seine Phantasie beseelt die ganze Na- 
tur, er predigt den Vögeln, er wird von leidenschaftlichem Mitleide 
für alle 'l'hiere ergriffen, er redet nicht bloss sie, nicht bloss Blu- 
men und Bäume, sondern auch Sonne und Sterne, Wasser, Feuer 
und Luft als Brüder und Schwestern an. Von den Gedichten, 
die man ihm-lange zugeschrieben hat, stammt zwar nur eines er- 
weislich von ihm selbst her, ein Hymnus, in dem er alle diese 
Brüder und Schwestern anruft, mit ihm den Herrn zu preisen, 
aber es steht doch fest, dass er in der Volkssprache nicht bloss 
predigte, sondern auch dichtete, und man darf mit Sicherheit an- 
nehmen, dass die zahlreichen Poesien, welche bald darauf von 
den Brüdern seines Ordens ausgingen, dem Geiste des Meisters 
und seinen Anregungen gefolgt sind  
Unter diesen sind aber neben den weltbekannten mächtigen 
lateinischen Hymnen Dies irae und Slabat mater viele Lieder in 
italienischer Sprache, in denen sich die fromme Liebe zu Christus 
mit unnachahmlieher Innigkeit, aber auch in Wendungen und 
Bildern und mit einem Feuer der Leidenschaft ausspricht, dass 
wir oft ganze Strophen lang die Aeusserungen weltlicher Liebes- 
gluth, nicht die demüthiger Andacht zu hören glauben. Schon 
dadurch unterscheiden sie sich von ähnlichen frommen Ergüssen, 
namentlich von der evangelischen Liederpoesie, dass die Seele 
hier niemals als die demüthig harrende Braut, sondern als der 
mit männlicher Energie werbende Liebhaber aufgefasst Wird. Da 
wird denn auch die Liebe, der A mor, wieder zur Personiiication; 
der Dichter klagt ihn an, dass er ihm das Herz durchbohrt, ge- 
raubt, entzündet habe, er ringt im ritterlichen Kampfe mit ihm. 
In einem dieser Lieder schliesst jede Strophe mit dem Ausruf: 
i") Frühere Sammlungen, namentlich die der eignen Schriften des h. Franz 
von dem Franciscaner Wadding und nach ihm die: Poeti del primo secolo, 
Firenze 1816, S. 19, gaben eine Reihe von Gedichten, namentlich auch die 
unten speciell erwähnten, als eigne Werke des Heiligen, während es jetzt durch 
die Untersuchungen des P. Ireneo Alfö feststeht, dass sie nicht von ihm, sondern 
von dem bedeutendsten Dichter des Ordens, dem Giacopone da Todi herrühren. 
Vgl. darüber Hase, a. a. O. S. 87, die Anmerkung zu Ozanam, Italiens Fran- 
ciscaner-Dichter von Julius (Münster 1853] S. 77 und endlich Schlosser, 
I cantici di S. Franc. d'Assisi, Frankfurt 1842.
        

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