Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-972534
als 
Dichter. 
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Zeit gehörte. Aber zugleich beweist doch der hohe sittliche Ernst 
und der Schwung der Gedanken des Gedichtes eine ganz andere 
Gesinnung, als die trivialeNüchtemheit, mit der ihn jene Novellen 
auftreten lassen. 
Bei den Aeusseruxigen der "gleichzeitigen oder nahestehenden 
Schriftsteller über Giottds künstlerisches Verdienst ist es be- 
merkenswerth, dass sie alle eine Eigenschaft vorzüglich heraus- 
heben, welche dieNeueren ihm eher absprechen möchten, nämlich 
die Natür lichkeit seiner Darstellung. Villani rühmt, dass er 
alle Figuren lmd Bewegungen mehr als Andere natürlich darge- 
stellt, Ghiberti, dass er die Kunst natürlich gemacht habe. Boccaz 
Scheint ihm sogar täuschende Naturnachahmung zuzuschreiben, 
indem er freilich durch den Mund einer Dame in einer Novelle 
sagt, Giotto habe alle Dinge so vortrefflich gemalt, dass sie volle 
Wirklichkeit, nicht bloss etwas ihr Aehnliches, geschienen hät- 
tenü). Dieses zeigt jedenfalls, dass man diese Eigenschaft von 
der Kunst forderte und bestätigt mithin, dass das Streben nach 
Naturwahrheit eines der Motive gewesen war, welche zu einer 
Aenderung des Styles führten. Zugleich aber beweist es, dass 
der Begriff des Natürlichen nicht ganz derselbe war, wie in un- 
Sern Tagen; es war eben nur jener scholastisch bedingte Natura- 
liSInus, von dem wir oben sprachen. Auch geben uns jene Schrift- 
Steller selbst einige Andeutungen, wie sie das Wort verstehen. 
Ghiberti fügt nämlich dem Lobe der Natürlichkeit sogleich das der 
sittlichen Anmuth und des Maassvollen hinzu 3d), und Boccaz, in- 
dem er in derselben Novelle Giotto mit den ältern Malern ver- 
i) Decamerone, Giornata. VI. Nov. 5. Giotto ebbe un ingegno di tanta 
"eccelenzia, ehe niuna cosa della namra fu, ehe egli   non dipignesse si 
Simile a quella, ehe non simile anzi piütosto dessa paresse. Vasari steht 
natürlich schon auf einem ganz andern Standpunkte wie diese Schriftsteller 
des XIV. und XV. Jahrhunderts. Er schreibt Giotto nur zu, dass er seit 
mehr als zweihundert Jahren zuerst wieder gut porträtirt habe, was, wenn 
man nicht von täuschender Modellirung, Sondern von der charakteristischen 
Zeichnung des Umrisses spricht, vollkommen richtig ist. 
m") Ghiberti: Arrecö Parte naturale e 1a gentilezza con essa, non uscendc 
delle misure. Förster (Beiträge S. 1M] will gentilezza durch "lmgelwllngerlß 
Bewegung" übersetzen, allein das Wort deutet immer auf etwas Sittliches 
m", auf die alma gentile, oder doch auf das Wohlwollen und die Güte, 
deren sich adlige und vornehme Personen befleissigen sollen.
        

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