Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-972529
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Giotto 
Zeit, Wo Hochrnuth und Pedanlerie sich republikanischen Ueber- 
lieferungen gegenüber geltend machten, ist dies ziemlich natür- 
lich, und dass Giotto vermöge des ethischen Scharf blickes, den 
seine Gemälde beweisen, auch im Leben die Schwächen der Ein- 
zelnen und des Zeitgeistes durchblickt und gelegentlich mit raschem 
Worte gerügt haben wird, ist sehr wahrscheinlich. In der That 
geschieht dies selbst in einem Gedichte von ihm, dem einzigen, 
von dem wir wissenß). Es behandelt die Frage vom Werthe 
der Armuth, also einen Gegenstand, der seit den Tagen des 
h. Franz oft besprochen war, und geht sehr scharf gegen die herr- 
schenden Uebertreibungen an. Er fängt damit an, ein Bedenken 
gegen das allgemeine Lob der Armuth aufzuwerfen; sie sei ein 
Extrem, und solches sei selten richtig. Unfreiwillige Armuth, fährt 
er dann fort, sei gewiss nichts Gutes, da sie so oft zum Schlech- 
ten verführe. Aber auch für die freiwillig erwählte könne er, 
selbst dann wenn sie beobachtet würde, nicht viel sagen, denn 
Kenntnisse, gute Sitte, Tugend würden nicht dadurch erworben, 
und diese zu entbehren, schiene ihm grosse Schmach. Zwar sei es 
Wahr, dass Christus sie hoch rühme. Aber seine Worte seien 
gar tief und es komme darauf an, die Wahrheit zu entdecken, die 
sich darin verberge. Bei ihm sei, vermöge seiner Macht, wirklich 
volleUebereinstimmung seinesWortes und seines heiligen Lebens 
gewesen. Indessen habe seine Armuth nur den Zweck gehabt, 
uns vom Geize zu befreien, und bei den Menschen erkenne man 
meistens, und zwar gerade bei denen, welche die Armuth am 
meisten lobten, nur das unruhige Streben, sie los zu werden. Und 
nun eifert er gegen Heuchelei und Hochmuth und gegen dieWölfe 
in Schafskleidern und entlässt seine Canzone mit derAnweisung, 
sie zu bekehren, oder wenn sie steif blieben, sie tüchtig unterzu- 
tauchen. Die Kühnheit dieses Angriifes ist bei einem Künstler. 
der die Braut des h. Franz im Gemälde verherrlicht und so viel in 
Franciscanerklöstern gearbeitet hatte, auffallend genug, und zeigt 
allerdings, dass er nicht zu den schwärmerisch Frommen seiner 
ß] Es ist von Rumohr entdeckt und zuerst in den Ital. Forsvh. II. 51 
nach dem Originale in der Laurentiana zu Florenz publicirt, demnächst aber 
auch bei Rosini und mit einigen Berichtigungen von den Herausgebern des 
Vasari I. 348 abgedruckt.
        

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