Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-972501
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Giottds 
testamentarische, theils neuere Heilige von verschiedenen frühem 
tmd spätern Händen. Ob Giottols Plan damit abschloss oder nur 
das Weitere unausgefuhrt blieb, ist ungewiss, indessen ist der 
Gedanke auch so verständlich. Das Ganze ist die Darstellung, 
nicht sowohl der Geschichte, als des Wesens christlicherBildung; 
unten erscheint sie als natürliche, auf einfacher menschlicher Thä- 
tigkeit beruhende, dann in den höheren, auf dem Boden des grie- 
chisch-römischen Heidenthums erwachsenen Künsten, in oberster 
Reihe tritt die Offenbarung des alten und neuen Testaments in ihren 
Vertretern mächtig auf, in der Mitte aber sehen wir den Einfluss 
dieser Offenbarung auf jenes natürliche Leben, indem dieses nun 
die sittlichen Lehren den Tugenden und der werkthätigen Liebe 
empfängt und theils durch die von Gott den Gestirnen geliehenen 
Kräfte, theils aber durch die Kirche und ihre Heilsmittel geleitet 
wird. Wir haben also hier eine grosse architektonisch-plastische 
Dichtung, welche an die mancher französischen und deutschen 
Kathedralen erinnert, aber einfacher und freier ist, nicht so sehr in 
die hergebrachten Subtilitäten scholastischer Theologie eingeht und 
das Christliche in engerer Verbindung mit dem allgemein Mensch- 
lichen auffasst. Indessen auch so ist sie ein Zeugniss von dem in 
Italien mehr überhanduehmeuden Streben nach scholastischer 
Gedankentiefe und Gelehrsamkeit, das gerade um diese Zeit durch 
Dante's Gedicht eine mächtige Anregung erhielt, sich aber hier 
ganz unabhängig von demselben zeigt.  
Neben der Gcdankentiefe ist bei diesen spätesten Arbeiten 
Giottds auch der Umstand wichtig, dass er, der berühmte Maler, 
hier zugleich auch als Baumeister und Bildner auftritt. Die Ver- 
bindung der beiden letztgenannten Künste war auf dem Standpunkte 
des Mittelalters ziemlich natürlich und in Italien wie in Deutsch- 
land die Regel; das Gewerbe dersteinmetzeil befähigte zu beiden. 
Aber die Malerei hatte damit nichts gemein; sie beruhte auf ganz 
anderen technischen Kenntnissen und Handgriffen. Dass Giotto 
nun auch jenes andere Gewerbe gelernt, ist nicht wahrscheinlich; 
er ist von früher Jugend an so anhaltend mit grossen malerischen 
Aufgaben beschäftigt, dass dazu keine Zeit blieb, und selbst in 
derUrkunde, in welcher seine Mitbürger ihm die Oberleitung aller 
ihrer Bauten übertragen, ist er nur als Maler bezeichnet, wäh-
        

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