Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter: Das Mittelalter Italiens und die Grenzgebiete der abendländischen Kunst
Person:
Schnaase, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-968007
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-972423
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Giotto 
die sich erhängt hat, die Ira, ein bejahrtes, stämmiges Weib, 
welche, gegen sich selbst wüthend, das Kleid auf der Brust zer- 
reisst. Bei der Injustitia hat er an räuberische Burgherren gedacht, 
wie sie damals im Appenin oder an den Abhängen der Alpen noch 
vorkamen. Ein Mann, bärtig, in anständiger Kleidung, aber mit 
thierischen Klauen, sitzt vor dem zwischen Felsen gebauten Thore 
einer Burg. Er ist mit einem Schwerte bewaffnet und mit einer 
langen, mit Haken zum Heranziehen versehenen Lanze, und zu 
seinen Füssen sind wiederum, wie dort die 'l'haten derGerechtig- 
keit, so hier die des Unrechtes, Mord, Raub und Verwüstung 
dargestellt. Die übrigen dieser Bilder sind gewöhnlichere, aber 
lebendige und scharfsinnige Allegorien. l)erNeid ist ein wüthen- 
des Weib, mit thierischen Ohren, Hörnern und Krallen, aus deren 
Munde ihr eigenes Gift als Schlange hervorgeht und sich gegen 
sie selbst zurückwendet; die Infidelitas, ein jugendlicher Mann, 
in schwerfälliger , vielleicht den Prunk falscher Doctorenweisheit 
andeutender 'l'racht, aber mit dem Helm der Eitelkeit bedeckt, der 
von dem Götzen, den er auf seiner Hand trägt, an einem ihm um 
den Hals gelegten Stricke in die Flamme zu seinen Fiissen hinein- 
gezogen wird, die Inconstantia, eine junge, auf einem umlaufenden 
Bade stehende Frau, deren weitflatternder Mantel und ängstliche 
Gebehrde ihren nahen Fall sehr deutlich anzeigen. Nur die Stul- 
titia ü) ist eine nicht unbekannte Gestalt, nämlich jener halbnackte, 
mit der Federkrone thöricht geschmückte, mit der Keule bewaff- 
nete Narr, den die Miniatoren gern bei den Worten des Psalmi- 
sten von dem Thoren, der in seinem Herzen Gott leugnet, anzu- 
bringen pflegten. Alle anderen Figuren sind neu und sinnreich, 
aber allerdings mehr um des Gedankens willen, als mit verwalten- 
der Rücksicht auf Schönheit erfunden. 
Von den übrigen Wandmalereien Giottols in Padua sind nur 
noch vier lebensgrosse Gestalten im Kapitelsaale des Klosters von 
S. Antonio neuerlich wieder entdecktw), Jesaias und Daniel, 
a) Die Gestalt ist nicht von Giotto's Hand, aber wahrscheinlich nach 
seiner Composition, welche durch ein darangesetztes Denkmal verdeckt ist, 
copirt. Vgl. Förster im Kunstbl. 1857 S. 380. 
W) Mehrere Zeugnisse setzen ausser Zweifel, dass Giotto in diesem 
Kapitelsaale gemalt habe. Der Chronist Ricobaldi von Ferrara (s. d. Stelle
        

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